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Buchcover: Medienbildung in der Migrationsgesellschaft

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Filme von Migranten - Filme mit Migranten - Kino für Migranten?

Fragen an Ralph Schwingel - von Dagmar Hoffmann

Herr Schwingel, Sie haben als Produzent viele Jahre mit vielen Regisseuren und Schauspielern gearbeitet, die einen so genannten Migrationshintergrund haben. Neben Buket Alakus, Sibel Kekilli, Sinan Akkus auch mit Fatih Akin, der zur Zeit zu den erfolgreichsten deutschen Regisseuren zählt. Was zeichnet für Sie die Arbeit mit diesen Menschen aus?
Gemeinsam ist den Genannten eine Wärme, ein Familiensinn - über die eigene, biologische Familie hinaus -, der beeindruckt und nutzt. Zweifel fressen da nicht so sehr die Seele auf, auch Selbstzweifel nicht.

Die aufgezählten Kollegen "mit Migrationshintergrund" und noch viele weitere zeichnen sich durch einen höflich entspannten Kommunikationsstil aus. Allerdings vergessen sie so gut wie nie, diesen angenehmen Stil mit gehörigem Nachdruck zu verbinden, wenn es darum geht, ihre Projekte zu realisieren. Mit der Zeit lernt man, dass der Stil rau sein kann, meistens aber herzlich bleibt. In jedem Fall kommunizieren sie unermüdlich und optimistisch - ideale Voraussetzungen fürs Filmemachen. Schließlich ist das ein menschliches Business, ein Vorgang unter Menschen, bei dem unausgesetzte und gelingende Kommunikation vorausgesetzt ist.

Zu beobachten ist aber auch ein Kanon an Umgangsformen in Gestalt einer "guten" Tradition - starke Formen, die das Leben in vieler Hinsicht übersichtlicher erscheinen lassen. Zu Beginn unserer Zusammenarbeit hat mich das sehr gewundert: Der Sohn raucht nicht in Gegenwart des Vaters, die Jüngeren nehmen unter keinen Umständen Platz, bevor die Alten nicht bequem sitzen, der ältere Bruder, der Abi, gibt unter den Kindern den Ton an, auf die Gefahr hin, dass er nicht der Klügere ist.

Hinzu kommt der eherne Willen, in dieser Gesellschaft voranzukommen, mit welcher sie ja nicht in jahrhundertelanger Abstammung verbunden sind. Aus der Wanderung ihrer Vätergeneration resultiert ein doppelter Auftrag: zu reüssieren - wozu sonst hat sich die Familie in die Fremde aufgemacht? - und Geschichte zu schreiben. Die zurückgelassene Heimatkultur kümmert sich ja nicht erzählerisch um die Auswanderer, also müssen sie es selbst tun. Das alles bürgt für gute Geschichten.

Eine zusätzliche Kraft von enormer Wirkung rührt daher, dass Denkverbote, intellektuelle Tabus keine Rolle spielen. Es hat etwas Befreiendes, einem Autor und Regisseur beizustehen, der sich nur eine Sorge macht: dass eine Erzählung beim Zuschauer funktioniert, unabhängig davon, ob OFF-Texte jetzt gerade modern sind.

Akin hat in einem Interview einmal versucht, die besondere Perspektive von Regisseuren türkischer Herkunft zu erklären. Er sagte, dass der Blick auf die deutsche Gesellschaft und auf das Kino grundsätzlich ein anderer sei. "Wir haben noch einen zweiten Blick, den unserer Herkunftsländer. Darum sehen wir das Land durch ganz andere Augen. Wir sehen Sachen, die andere Leute nicht mehr wahrnehmen. Das macht unsere Filme anders." Ist es wirklich das, was seine Filme so interessant macht?
Natürlich, es ist ein unverwechselbarer Teil davon. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass unsere eigene Faszination für diesen Blick daher rührt, dass es der "wilde" Blick ist, der Blick des Wilden, also dessen, der so ganz anders ist, so "unverstellt", natürlich, dessen, der gerade erst hinzugekommen ist. Das hat den Einheimischen schon immer fasziniert, durch die Brille desjenigen zu schauen, der ursprünglich und unverdorben ist. Auf einmal ist nichts selbstverständlich, nichts so, wie es uns scheint und immer geschienen hat.

Aus Fatihs Perspektive kommt aber noch etwas Überraschendes hinzu: Als hier lebender Türke versteht er sich als Hanseat durch und durch; er liebt es, die Worte breit auszusprechen wie ein Schiffslotse und erntet die Überraschung darüber mit unermüdlicher Begeisterung. Alles in allem versteht er sich als Teil eines "neuen Deutschland", das so gesehen und in jedem Fall besser ist als das "alte" Deutschland, das nun weiß Gott kein Identifikationsangebot bietet und sich mit dem untauglichen Versuch der Lächerlichkeit preisgibt, eine "Leitkultur" zu etablieren, statt eine konzentrierte Rechtschreibreform zu beschließen.

So pendelt der hier aufgewachsene, sprachlich traditionell hinter seiner Wohnungstür sozialisierte Migrant zwischen zwei Konditionen: der des "neuen Deutschen" und der des "Deutschländers" wie er in seiner Heimat genannt wird.

In vielen Filmen, die Sie produziert haben, geht es um die besonderen Geschichten und Schicksale von Migranten. Es sind oftmals Beziehungsdramen, die aber auch Begriffe wie Heimat und Fremde, Integration und kulturelle Vielfalt verhandeln. Wer guckt und interessiert sich für diese Filme? Was ist das faszinierende Moment?
Das Faszinierende an diesen Geschichten geht darauf zurück, dass sie sich entlang der Verwerfungslinien einer groß angelegten Migration ereignen, die zunächst offenbar bloß in der Absicht vonstatten gegangen ist, für die eigene Industriearbeit angemessen bezahlt zu werden. Dadurch, dass sich Biografien und Familien für ein Bleiben entschieden haben - oft genug, indem die ursprüngliche Absicht verblasste, beizeiten zurückzukehren (siehe Fatih Akins Dokumentarfilm "Wir haben vergessen zurückzukehren") - stoßen nun Kontinentalplatten aufeinander: Reibung entsteht, Funken stieben, Beben setzen ein.

Um es anders zu sagen: Die Migration ist wie ein Korallenriff für gut gewürzte Geschichten. Das französische "Rage au cœur"-Kino, das pakistanische Kino aus England, im Grunde bietet das alles die gleiche Sache, ähnliche Figuren: eine Mutter, die versucht, den Laden zusammenzuhalten; ein wütender Vater, der bitter bereut, die Frucht seiner Lenden ins sündige Europa verschleppt zu haben und dann doch ein Auge zudrückt, weil er tief im Inneren weiß, dass sie zuhause aufgehört haben, Türken zu sein und er sie nicht einfach wieder reumütig zurück bringen kann.

Erstaunlich ist, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Migranten nicht für Filme "mit Migrationshintergrund" interessiert. Ein Jammer, aber Fakt. Wie alle anderen sind auch hier lebende Migranten mit Assimilation und Adaptation beschäftigt. Filme, die ihre eigene Lebenswelt beschreiben, stehen dem im Weg, ganz abgesehen davon, dass sie im Verruf stehen, eben nicht "bigger than life" zu sein, sondern vielmehr "life as it is". Der Druck, Mission Impossible X in den ersten zwei Wochen zu schauen, ist einfach stärker. ...

Über den Interviewpartner

Ralph Schwingel
wurde 1955 in Neunkirchen an der Saar geboren. Er begann 1984 als studierter Psychologe Filme als Autor und Regisseur zu realisieren. Seit 1987 ist er mit großem Erfolg als Produzent tätig. Gemeinsam mit Stefan Schubert und dem Regisseur Lars Becker gründete er 1989 die Wüste Filmproduktion Hamburg. Zu den ersten Erfolgen der Firma zählten unter anderem die beiden Lars Becker-Filme Schattenboxer (1992) und Bunte Hunde (1995). Eine von Schwingels ganz wichtigen Entdeckungen war Fatih Akin, der ihm noch als Schüler 1993 sein erstes Drehbuch zu dem Spielfilm Kurz und Schmerzlos vorlegte. Schwingel schätzte sofort die Ambitioniertheit dieses jungen Mannes, erkannte sogleich sein Talent und produzierte mit der Wüste Filmproduktion die Geschichte, die 1998 zu Akins Debütfilm wurde. Daraus ergab sich eine langjährige Zusammenarbeit mit Akin. Es entstanden Filme wie Im Juli (2000), Solino (2002), Kebab Connection (2005), an dessen Buch Akin mitwirkte. Das Drama Gegen die Wand (2004) erhielt Auszeichnungen wie den Goldenen Bären in Berlin, den Deutschen Filmpreis in Gold und den europäischen Filmpreis. Schwingel ist im Rahmen der Cologne Conference zusammen mit Stefan Schubert mit dem Produzentenpreis 2004 ausgezeichnet worden. Im selben Jahr wurde er zum „Producer on the Move“ auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes ernannt. Ralph Schwingel ist derzeit Gastprofessor an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Seine aktuell produzierten Filme heißen Eine andere Liga, Emmas Glück und FC Venus.

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