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Stellungnahmen/ Kommentare

Prof. Dr. Norbert Neuß, Vorsitzender der GMK: „Erwachsen auf Probe“

Einstelldatum: 19.06.2009

Kommentar als PDF-Datei

Bei dem Format "Erwachsen auf Probe" handelt es sich in mehrfacher Weise um ein skandalöses Experiment. Kleinkinder und Babys sind auf eine kontinuierliche, elterliche Bindung angewiesen. Dies aus Gründen der Unterhaltung oder mit fadenscheinigen pädagogischen Argumenten aufs Spiel zu setzen, ist grob fahrlässig. Babys und Kleinkinder sind keine Versuchskaninchen.

Wenn es darum ginge tatsächlich das Thema ‚Teenagerschwangerschaften’ und deren Umgang mit Kindern zu zeigen, gäbe es dafür ausreichend echte Beispiele oder dafür entwickelte pädagogische Programme (z.B. Babybedenkzeit; Babysimulatoren). Der ‚stressige Alltag’ mit einem Baby oder Kleinkind wird durch die Inszenierung (Jugendliche bekommen fremde Babys/Kinder) nochmals gesteigert. Neben der Gefahr für die Säuglinge, der Inszenierung des Alltags und der möglichen Bloßstellung und Stigmatisierung von Jugendlichen erscheint ein weiterer Aspekt bedenkenswert: Mit einer solchen Sendung wird ein fatales Signal im Hinblick auf eine humane Gesellschaft und eine verantwortungsvolle Medienkultur gegeben. Dieser Private Sender inszeniert den Skandal nicht nur auf Kosten der Beteiligten, sondern auch auf Kosten eines gesellschaftlichen Ansehens.

RTL verteidigt das Format als außergewöhnliche Möglichkeit für Jugendliche mit Kinderwunsch, Familienkompetenz zu erwerben und die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) bescheinigt der achtteiligen Sendereihe eine "positive pädagogische Absicht".
Wem soll das helfen und was wird dabei vermittelt? Diese Frage wird sicher je nach der Vorstellung des Fernseheinflusses anders beantwortet.

  1. Geht man davon aus, dass Fernsehen ohnehin „nur“ ein Unterhaltungsmedium ist, dann ist das Signal „Jugendliche und Kleinkinder werden als Versuchsobjekte zur Unterhaltung“ eingesetzt, medienethisch fragwürdig. Dies gilt natürlich auch für andere Sendungen, nur in diesem Fall kommt eine Verschärfung durch das Alter der Kinder und die Inszenierung hinzu. Mit Inszenierung sind die bewusst arrangierten Stresssituationen für Kinder zum Zwecke der Unterhaltung gemeint.
  2. Geht man davon aus, das Fernsehen Weltbilder beeinflusst, dann muss gefragt werden, inwiefern durch eine solche Sendung gesellschaftliche Übereinkünfte im Bereich des Kindeswohls und der Erziehungsverantwortung verletzt werden. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Diskussion, die durch Stichworte wie „Vernachlässigung“, und „Kindeswohlgefährdung“ steht. Welches Signal wird gesetzt, wenn ein Sender sich über derartige Fragen zugunsten des Profits oder eines vermeintlich innovativen Formats hinwegsetzt.
  3. Geht man von einer direkten Wirkung aus, dann besteht die Gefahr, dass diese Sendung dazu motiviert, Kinder als eine „verleihbare Ware“ zu betrachten. Die Würde eines Menschen ist unantastbar, das gilt auch für die Würde eines Kindes. Dieses Verständnis der Achtung und des Schutzes der Menschenwürde (als Selbstwert) wird durch derartige Sendungen öffentlich herabgesetzt und kann nicht ohne langfristige Wirkung bleiben.

Angesichts dieser unterschiedlichen Annahmen und ihrer Konsequenzen ist das Dokusoap-Konzept „Erwachsen auf Probe“ abzulehnen. Bei Spiegel-Online heißt es zwar: „Deutschlands Medien- und Sittenwächter haben ein neues Feindbild: die bald startende Sendung "Erwachsen auf Probe". In der Dokusoap üben Teenager mit geborgten Babys, wie es sich anfühlt, Mutter zu sein. Entrüstung bringt nichts - sie nutzt allein dem ausstrahlenden Sender RTL.“ Wer so argumentiert verhindert eine notwendige gesellschaftiche Diskussion und macht die „Sittenwächter“ zu Handlangern des Senders, indem sie die Quote treiben. An dieser Stelle muss aber schon mal auf den Unterschied von Ursache und Wirkung hingewiesen werden. RTL hat durch diese Form des kalkulierten Tabubruchs dafür gesorgt, dass diese Empörung entsteht. Stillschweigen zugunsten der Quote ist unangemessen und verhindert eine notwendige gesellschaftliche Diskussion angesichts dieses rechtlich ungeregelten Formats.

Reaktionen und Konsequenzen

Die Frage, in welcher Medienkultur wollen wir eigentlich leben, ist längst nicht mehr nur anhand von Themen wie „Mediengewalt“, „Werbung und Konsum“ oder „Pornographie“ zu thematisieren. Mit der Sendung „Erwachsen auf Probe“ hat sich der Sender RTL einen Bärendienst erwiesen. Denn es gibt durchaus schon jetzt einen breiten gesellschaftlichen Widerstand von über 60 Verbänden gegen dieses Format: „Die unterzeichnenden Verbände sehen in diesem Experiment ein erhebliches Risiko, gerade für die Babys, die ohne Not einem erheblichen Stress ausgesetzt wurden. Allen Kindern drohen in der angespannten Atmosphäre des Drehortes schwere Belastungen – die Anwesenheit einer Alibi-Psychologin nützt da gar nichts. Die Jugendlichen, die die Kinder „erziehen“ sollen, sind selbst noch minderjährig, kommen aus belasteten Lebensumständen und müssen selbst vor öffentlicher Zurschaustellung geschützt werden.“(1)
Aus Sicht des Jugendmedienschutzes gibt es aber keine Handhabe gegen derartige Formate, auch wenn Familienministerin von der Leyen scharf gegen die Ausstrahlung protestiert. Eine einstweilige Anordnung, die auf Antrag des deutschen Familiennetzwerks gestellt wurde, wurde vom Verwaltungsgericht Köln mit der Begründung abgelehnt, dass die rechtliche Grundlage der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag lege und derartiges dort nicht vorgesehen sei.
Noch vor kurzem habe ich zur Begründung von Medienpädagogik geschrieben, dass Medienpädagogik Medien als Konstrukteure von Wirklichkeit betrachtet. Medieninhalte sind inszenierte, symbolische Konstruktionen, die den inneren Aufbereitungslogiken des jeweiligen Mediums entsprechen. Dazu gehören zunehmend Visualisierung, Emotionalisierung, Personifizierung und Skandalisierung. Ziel von Medienpädagogik ist es, die jeweils spezifischen Formen der Wirklichkeitskonstruktion (z.B. geschlechtsstereotype Darstellungen) erkennbar zu machen und in Relation zu nicht medial vermittelten Erfahrungsprozessen zu setzen (wahrnehmungs- und erfahrungsorientierter Ansatz). In diesem Sinne versteht sich Medienpädagogik auch als „politische Bildung“. Diese Aufgabe wird durch die Dokusoap „Erwachsen auf Probe“ deutlich unterstrichen.

Die Frage, was nach „Erwachsen auf Probe“ produziert wird, kann nur spekulativ beantwortet werden. Klar wird aber immer mehr, dass eine marktorientierte, private Medienwirtschaft keine Option auslassen wird, durch Skandale, Tabubrüche und Schmierentheater ihre Marktanteile und Werbeeinnahmen zu erhöhen. Dabei bleibt sie zwar im Rahmen rechtlicher Regelungen, testet aber die Grenze ethischer Empfindungen in einer problematischen Weise aus. Angesichts einer fehlenden rechtlichen Handhabe und einer geringen medialen Verantwortungsbereitschaft kommt der Vermittlung von Medienkritik und Medienkompetenz auf der einen Seite und einem Senderboykott auf der anderen Seite eine verstärkte Bedeutung zu.

MedienpädagogInnen müssen mehr als bisher zu bestimmten medientechnischen Entwicklungen und zu bestimmten Medienformaten zeitnah „Farbe bekennen“ und „Zeichen setzen“.