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Stellungnahmen/ Kommentare

Dr. Hans-Joachim Ulbrich: "Wenn der Computer nicht macht, was ich will, schalte ich ihn einfach aus!"

Einstelldatum: 10.06.2009

Medien-in-kompetenz ist Kommunikationsverweigerung!

Kommentar als PDF-Datei

Seit wie vielen Jahren reden wir von der mangelnden Medienbildung in unseren Schulen? Seit wie vielen Jahren stellen wir fest, dass die Medienbildung zu einer notwendigen Kulturtechnik neben Lesen und Schreiben geworden ist, ohne die der Mensch nicht kommunizieren kann?

Sei es im Informatikunterricht oder in zahlreichen Medienprojekten – Schüler stehen im Fokus der schulischen Medienbildung und beherrschen zumindest die technischen Seiten der Computer- und Internetwelt. Aber von ihnen soll hier nicht die Rede sein, sondern von denjenigen, die Ihnen helfen sollten, in der modernen Welt überlebensfähig zu werden – von den Lehrern.

Um nicht falsch verstanden zu werden: es gibt und ich kenne viele unglaublich engagierte und kompetente Lehrer, die Ihre pädagogische Aufgabe auch als Vermittlung von Medienkompetenz begreifen, die weit über ihre geschriebene Verantwortung hinaus, sich als medienpädagogische Ansprechpartner für ihre Schüler verstehen.

Meine persönlichen und somit sehr begrenzten Erfahrungen in der Lehrerweiterbildung Computer, Internet und neue Medien betreffend, zeigen mir aber andererseits eine geradezu aberwitzige Situation. Je weiter der Gebrauch und die Bedeutung von neuen Medien bei Kindern und Jugendlichen qualitativ und quantitativ voranschreitet, umso deutlicher wird die Abwehrhaltung vieler Lehrer gegen dieses "Teufelszeug".

Meine Vermutung von vor fast 20 Jahren, die Zeit werde die Lücke im Computerwissen zwischen Schülern und Lehrern verringern, stellt sich mir heute als hoffnungslos unbegründeter Optimismus dar. Die Lücke scheint heute unendlich groß und unumkehrbar wachsend.

Lehrer führen den von ihnen beklagten Autoritätsverlust in der Regel auf verschiedene Gründe zurück: äußere Umstände, zunehmende Arbeitsbelastung und nicht zuletzt auf den Medienkonsum der Schüler.
Dort, wo sich die pädagogischen Fachkräfte ihrer eigenen Autorität durch die ständig an Bedeutung gewinnenden Medienwelten ihrer Schüler beraubt sehen, findet Verdrängung statt, Ausblenden, Resignation.

Die Situation ist oft so, dass es in den Schulen ein bis zwei "Zuständige" gibt, die von Berufs wegen (Informatiklehrer) oder als Hobby mit der Technik umgehen können und darum gerufen werden, wenn eine Hard- oder Software klemmt. Wegen dieser Zuständigkeiten glauben andere Lehrkräfte, sich selbst nicht um entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten bemühen zu müssen und verpassen dabei wichtige Chancen.

Das mangelnde Technikverständnis ist nur die Oberfläche, die das eigentliche Problem verdeckt. Es geht nicht nur darum, dass alle oder möglichst viele Lehrer mit der Computertechnik umgehen können sollten. Das ist durchaus notwendig. Es ist aber eben nicht hinreichend und betrifft nicht den Kern des Problems. Der zentrale Punkt des Problems ist, dass es in der heutigen Welt keinen wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Bereich mehr gibt, der nicht mittels und durch Computer verstanden, bewältigt und nicht zuletzt als Lebensfeld gelebt werden kann und die (neue) Medienkompetenz somit zu einer weiteren Kulturtechnik aufgestiegen ist.

Die Verweigerung eines wesentlichen Teils der Lehrerschaft gegenüber einer differenzierten, aktiven Arbeit mit neuen Medien in der Schule mutet mitunter an, als ob in der ära des Buchdruckes Lehrer ihren Schülern das Insteinhauen von Schriftzeichen vermitteln wollten.

Aber es ist nicht nur die Sache der Lehrer und schon gar nicht ihre Privatsache, sich die Kulturtechniken ihrer Schüler anzueignen. Es ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, in der unter anderem Wirtschaft, Bildungssystem Politik besser kooperieren sollten, um die Bildung der "Digital Natives" nicht jenen zu überlassen, die computer literacy als zweite Fremdsprache begreifen.

Zum Glück gibt es vielerorts medienpädagogische Rahmenpläne, Schulversuche zur Medienbildung, Weiterbildungsangebote und vieles mehr. Doch hat sich die Situation noch nicht wesentlich verbessert. Von einer Durchdringung der Medienbildung im Schulalltag sind wir noch meilenweit entfernt.
Was Not tut, ist eine andere Sicht auf die Schule, auf die Schüler und auf die Lehrer. Wenn das föderale Bildungssystem, natürlich mit Gefälle und Unterschieden, nicht diese Lücke in den Lebenswelten zwischen Schülern und Schule begreift, wird es den gesellschaftlichen Anforderungen weiterhin hinterher taumeln. Die Schule wird mit dem Wachsen dieser Lücke mehr und mehr ihrer Bedeutung beraubt.

Wenn mir ein Lehrer in einer Weiterbildungsveranstaltung seine Einstellung mit dem Satz kommentiert: "Wenn der Computer nicht macht, was ich will, schalte ich ihn einfach aus!", fordert mich das persönlich zwar heraus und ist Anlass, mich weiter und noch mehr zu bemühen, für die Gesellschaft aber ist es ein Desaster.

Vor Jahren gestand mir mein Sohn, die wirklichen Lebensweisheiten nicht in der Schule sondern von den "Simpsons" vermittelt bekommen zu haben – das war noch in der guten alten Fernsehzeit! Heute bestimmen das Internet, you tube und Computerspiele die geistige Welt vieler unserer Kinder. Welche Herausforderung und welch eine Chance für die Schule, hier als Aktivzentrum zur Vermittlung von kreativer und kritischer Medienkompetenz wirksam zu werden. Welch eine Chance, die Spaltung zwischen den Lebenswelten der Generationen zu überwinden.