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Stellungnahmen/ Kommentare

Renate Roellecke: Bei Madonna gibts kein Fernsehen - Mediales Fasten und mediale Null-Diät als Reaktion auf Überfütterung?

Einstelldatum: 28.04.2009

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Nach Madonna jetzt auch Brangelina: Kurz vor Weihnachten 2008 postulieren die Öffentlichkeitsgiganten Pitt und Jolie, Fernsehen sei für ihre Kinder untersagt, da es durch die Kombination mit Werbung nur Konsumwünsche wecke. Unter dem Weihnachtsbaum werden im Anwesen der Superreichen selbstgebastelte Geschenke ausgetauscht.

Moment mal: gibt es nicht überall diese Meldungen über die problematische Konsumflaute, die uns alle in den Abgrund ziehen wird? Sind wir nicht dazu angehalten, kräftig zu konsumieren, zumindest bis knapp in den Dispo hinein? Sollten wir daher nicht die Kinder geradezu animieren, fernzusehen, besonders Sender mit ganz viel Werbung, damit unsere lieben Kleinen uns dann mit ihrer Quengelkompetenz dazu bringen, die Wirtschaft anzukurbeln?

Doch ob Bildungselite, Upperclass oder Weltenretter, das Motto heißt: Fernseher aus, Medienfasten ist angesagt! (Ob das dann in den genannten sozialen Milieus tatsächlich umgesetzt wird oder nur eine Luftblase ist, bliebe zu untersuchen).

Zurück zu Madonna: sie war schon länger am Puls der Zeit. Jedenfalls erklärt sie im März 2008 in einem -Interview, dass sie ihre Kinder streng erzieht, was dann glücklicherweise nicht mit paramilitärischer Disziplin oder dem Rohrstock gleichgesetzt wird, sondern nur mit „klaren Regeln“ zum häuslichen Mediengebrauch oder zum Konsum zuckerhaltiger Lebensmittel: Kein Fernsehen, kein Zucker und die Hausaufgaben werden selbstverständlich immer gemacht. Später verrät sie uns im Interview dann, dass sie mal mehr, mal weniger streng sei, was uns diese gottähnliche Kreatur wieder etwas näher bringt.

Auch die aus Print und Fernsehen bekannte Iris Radisch teilt uns in ihrem lesenswerten -Beitrag mit: „Ein wachsender Teil der Kulturelite schafft den Fernseher ab.“ Nach dem Motto: Hej, bist du Elite, willst du Kultur, dann schaff das Fernsehen einfach ab! Ende April 2008 bekennt die Medienfrau () bei der Verleihung eines Medienpreises: „Ich boykottiere seit Jahren das Leitmedium unserer Zeit. Ich habe keinen Fernseher“ und begründet den Verzicht damit, dass es sich um Verschwendung von Lebenszeit handele und dass sie ihren Kindern fernsehen nicht zumuten wolle (dpa). Schimmert da vielleicht erneut der Widerwille gegen den Seh-Sinn hindurch, den Dieter Baacke 1995 vor allem bei PädagogInnen kritisierte? Dabei fällt der Verzicht auf das Fernsehen besonders den Jugendlichen nicht so schwer, denn nach jüngsten Forschungen (JIM 2008) wenden sie sich ohnehin eher dem Computer und Internet wie auch dem Multimedia Handy zu. Ein Fernsehapparat ist gar nicht mehr nötig.

Noch mehr Glückssucher haben den generellen Umgang mit den Medien ins Visier genommen: Die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Miriam Meckel ist derart medial begehrt und nachgefragt, dass sie dem Thema „“, gemeint ist vor allem Unerreichbarkeit, eine Publikation widmet und damit recht viel Aufmerksamkeit erzielt (sic!).
„“ bringt Wolfgang Röhl im Stern den Bestseller von Timothy Ferriss auf den Punkt. Nur noch einmal die Woche E-Mails beantworten, Computer aus etc., dann wird das Leben wieder glücklicher und die Arbeit effektiver.

Während die Medienpädagogik und auch die Politik, z.B. das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit der Kampagne, noch Eltern für kritische aktive Medienerziehung sensibilisieren wollen, handeln andere einfach nach der Devise „Schau weg, schalt ab“. Ein weiterer Gipfel dieses Trends: Vor Ostern 2008 rief Papst Benedikt zum medialen Fasten auf.

Ringen die einen noch damit, Medienerziehung neben Gesundheits- und Ernährungserziehung in ihrer ganzen Vielfalt aktiv, kritisch und qualitätsorientiert an die Eltern und pädagogischen Fachkräfte zu bringen, drücken andere einfach auf den Ausschalter. Und setzen sich damit bewusst von der klickenden, zappenden, informations- und unterhaltungshungrigen Masse ab.

Warum auch nicht: Wer die durchschnittlichen Sehzeiten betrachtet oder schon mal in der Vorweihnachtszeit in einem Medienmarkt miterlebt hat, was dort an teuren Konsolen,  gigantischen Fernsehgeräten,  DVDs, Computerspielen, Multimedia-Handys etc. herausgeschafft wird, dem kann in der Tat schon schwindelig werden.
Immerhin widmen Kinder (3- bis 13-Jährige) durchschnittlich rund 90 Minuten täglich allein dem Fernsehen, Erwachsene rund 230 Minuten (Media Perspektiven). Mit audiovisuellen Medien wie Radio, Computer, Fernsehen, Video/DVD oder Musikspieler verbringen 14- bis 19-Jährige täglich rund 400 Minuten, teils werden einige dieser Medien zeitgleich genutzt.  Die Spitzengruppe nehmen allerdings die 40- bis 59-Jährigen ein, mit rund 470 Minuten täglich (2007/ARD-Studie).

Das kann fürwahr zu viel sein und der Ruf nach einem Innehalten, einer ausgewogeneren Freizeit für alle ist sicher berechtigt. Regelmäßige medienfreie Zeit, fernseh- oder computerfreie Tage oder einfach mal das Handy abzuschalten, tut sicher vielen Menschen gut und ist ein sinnvoller Rat zur Therapie gegen durch intensiven Mediengebrauch verursachte Neurasthenie.

Dabei ist der Wunsch nach Mediendiät oder komplettem zeitweisem Bildschirmverzicht nicht neu und auch als Versuch interessant und sinnvoll: organisiertes Medienfasten propagiert und praktiziert alljährlich seit 1994 in den USA die mit ihren . In Frankreich wird durchgeführt, in der Schweiz und in Deutschland gab und gibt es regionale Aktivitäten und Beteiligungen. Das zeitweise Abschalten führt sicher zu einer Überprüfung und Bereicherung im Alltag, bei manchen vielleicht auch zu einer dauerhaften Veränderung der Lebensgewohnheiten.  Doch schon das alte Experiment „“ (1976)  hatte gezeigt, dass manche die Lücke aktiv, kreativ und kommunikativ nutzen können, während andere kaum über den Verlust hinwegkommen und sich freuen, wieder medial unterhalten zu werden. Ein Abenteuer, das manche bereichert und den meisten den Spiegel vorhält.

Medienpädagogik ist allerdings mehr als das. Das Stuttgarter Pendant zur medienfreien Zeit nennt sich Anders als der Titel suggeriert, sind Medien bei dieser Schulaktion durchaus zugelassen: für aktive kreative Medienproduktionen. Neben nonmedialen Aktivitäten lernen Kinder in der Projektwoche Fotografie und Fotobearbeitung, können Videofilme gestalten oder Musik und Texte (auch medial) produzieren.

Es ist in der Tat begrüßenswert, zum maßvollen Umgang mit Medien aufzurufen, so wie beispielsweise auch der Ruf nach Freizeit oder Urlaub ohne professionelle Animation, Gameboy oder Fernseher im Hotelzimmer sinnvoll ist. Die Welt anders zu betrachten und zu erleben, Spiele, Beschäftigungen aus sich selbst heraus entstehen zu lassen, die Natur und Umwelt und die Liebsten zu erleben, die Zeit vergessen, das kann erholsam sein, für Singles, Eltern, Kinder und Großeltern (die mit durchschnittlich 4 Stunden TV-Konsum die wahren Fernsehjunkies darstellen).

Der erschöpfte und sich darin erschöpfende Ruf nach Maß und Abstinenz (bis hin zum Verbot) vollzieht sich sozial und philosophisch vor problematischem Hintergrund. Die nunmehr häufiger anzutreffende Fernsehenthaltsamkeit geht weit über die gar nicht feine Unterscheidung hinaus, zwischen „Unterschichtsfernsehen“ und dem (ja wem eigentlich?) „Mittelschichtsfernsehen“, „Elitefernsehen“? Oder gar „Postmaterialistenfernsehen“? Das würde neben ökologischer Feinkost, edlem Zwirn und Segeltörn bedeuten, sich ein bisschen , ein paar Häppchen und gelegentlich einen , ja vielleicht doch noch hin und wieder mal ein Fußballspiel, eine Naturdokumentation und auch oder zu gönnen. Für die Kleinen gibt es ja und .
Zum zweiten  kann das Fasten und Diäthalten zugleich Schuld, Sühne, Buße implizieren, die auf die mediale Maßlosigkeit oder Genusssucht (Todsünden) folgen sollen. Das klingt nach medialem Jo-Jo-Effekt! Nachdem ich mich mit allerlei feisten Kalorienbomben vollgestopft habe (sprich bis zum Abwinken, DVDs, Konsolenspiele und Fernsehen bis zur tumben Erschöpfung), kommt das große : Ich muss zum Entzug und mich mit Outdoor Aktivitäten und Sport geißeln. Doch führt dieser grobe Unfug nicht geradewegs hinein in die Abhängigkeit? Die klassischen Alternativen zum Medienkonsum: Hinausgehen, sich nonmedial den Mitmenschen zuwenden, Sport treiben, sich bewegen, tanzen, musizieren vielfältig kreativ sein sind schöne Beschäftigungen und sollen es auch bleiben, nicht eine Strafe für mediale Obsessionen. Sie sollen Mediengebrauch, der ja auch amüsant und anregend sein kann, ergänzen, nicht ausstechen.

Lies ein gutes Buch, schalt den verblödenden Fernseher ab. Sind wir schon wieder an diesem Punkt gelandet? Also noch mal: Der Tipp ist von erschreckender Schlichtheit und geht an den Leidenschaften und Interessen von Kindern, Jugendlichen und auch vielen Erwachsenen vollkommen vorbei. Er unterstellt beim Fernsehen Passivität und ignoriert damit Dekaden der Medienforschung. Er desavouiert komplette Altersgruppen und gesellschaftliche Milieus. 

Auch das intensive Versenken in Computerspielewelten hat Ähnlichkeiten und Unterschiede zum Intensivlesen, beispielsweise von Harry Potter Romanen. Allerdings ist das Computerspielen ein aktiverer, und je nach Spiel auch kreativerer und kommunikativerer Akt. Während wir beim Lesen unsere Phantasie einschalten und uns das Erzählte vorstellen (was ohnehin heutzutage durch Bilder, Filme etc. mit geprägt ist), geht die Aktivität beim Computerspielen in eine andere Richtung: Strategien müssen entwickelt, Kompetenzen können erweitert werden, Figuren und Städte werden geschaffen, belebt, erobert und verteidigt, Teamwork wird trainiert. Beides, das intensive Lesen und das Computerspielen, schont die Nerven und die Augen nicht. Gesundheitlich problematisch kann auch das stundenlange Lesen sein, vor allem wenn es sich an die Bewegungslosigkeit und einseitige Belastung des Schulunterrichts anschließt. Ob das Lesen der bei Teenies so beliebten seitenstarken Vampir- oder Drachenromane zur geistig-intellektuellen Elitebildung beiträgt, wage ich auch zu bezweifeln.
Computerspielmacher und auch Jeannette Rowling und Stephanie Meyer setzen auf die Neugier, Gelüste und von mir aus auch auf die „Sucht“ der Mediennutzer nach Fortsetzung und dauerhafter Beschäftigung mit dem Thema. Das vielzitierte Dopamin, das bei reizvollen euphorisierenden Tätigkeiten ausgeschüttet wird und zu mangelnder Konzentration (zum Beispiel auf schulisches Lernen) führen kann, wird wohl  bei beiden Aktivitäten eine Rolle spielen, nicht zu sprechen von den körpereigenen Drogen, die verliebte Teenager freisetzen, was ihnen womöglich die Schulkarriere vermasseln kann. Also am besten neben dem Fernsehen, dem Romane-Lesen und dem Computerspielen auch noch das Verlieben verbieten, denn all das kann unter Umständen die schulische Leistung beeinträchtigen. Eigentlich schade, dass es so wenig euphorisierenden Schul-Unterricht gibt. Wer Kinder in Theater-, Film-, Radio- oder Hip-Hop-Projekten erlebt hat, weiß, dass sie ihre Unterhaltungsmaschinen zu Hause auch gut vergessen können, wenn man ihnen anregende Alternativen bietet.

Auch wenn das Fernsehen für viele Jugendliche ohnehin an Bedeutung verliert und in der Tat – an anderer Stelle - eine Diskussion über Qualitäten notwendig ist. Es kann durchaus großen Spaß machen, Gruppen zusammenführen, Jugendliche zum Diskutieren, Argumentieren und Bewerten anregen, Kindern gemeinschaftliche Erfahrungen liefern und sie manchmal mit Eltern und Großeltern vereinen ( und Sportübertragungen). Dass Fernsehen überdies Empathie vermitteln kann, uns Bilder und Lebensweisen aus noch so entfernten Teilen der Welt nahe bringt und das Engagement von Kindern für Umwelt, Ökologie und Tierschutz fördert, sei nur nebenbei bemerkt. Selbst verrufene Castingshows wie DSDS können auch positive Effekte auslösen: ganze Familien kommen ins Gespräch über musikalische Qualitäten, darüber was und wer nun peinlich ist und an welcher Stelle die persönliche Grenze der kritischen Äußerungen von Dauer-Puberteur-Bohlen erreicht ist. Kinder und Jugendliche entwickeln nach und nach detektivisches Gespür für den Grad der medialen Inszenierung und erwerben Medienkompetenz und Medienkritikfähigkeit. Nicht wenige Jugendliche werden durch die Sendung vorm Fernseher weggeholt, nehmen Gesangs- und Tanzunterricht. Und das längst nicht einfach nur, um sich in die zigtausend Bewerber für das nächste fiese Casting einzureihen: Manche tun es einfach aus Spaß am musikalischen Selbstausdruck.

Fernsehen kann vielerlei auslösen: Es zeigt Kindern, mitunter lebendiger und effektiver als Schulunterricht, wie Technik, Biologie, Politik, das Steinzeitleben und der Regenwald funktionieren (, und ). Es bildet, es vereint, es trägt zum Beispiel durch Fußball- und Olympiaübertragungen zum bei. Es lässt Kinder und Jugendliche moralische Kategorien überprüfen und Medien- wie auch Gesellschaftskritik herausbilden (in Soaps wie , Serien wie oder ausgelöst durch viel diskutierte Formate wie und ). Es liefert Familien gemeinsamen Stoff für familiäre Diskussionen und Gespräche.

Ähnliches ließe sich mitunter auch über die zu Unrecht verteufelten Computeraktivitäten feststellen, die nicht nur unter ganz bestimmten Umständen dick, dumm und träge machen können, sondern auch schlau, gewieft, reaktionsschnell, kreativ und fantasievoll. Sie können zu Freundschaften und zum Austausch quer über den Erdball beitragen. Sie können mit ihren Web 2.0 Angeboten die jugendliche Sehnsucht nach Humor, Austausch, ja auch Grenzerfahrungen und vor allem Selbstausdruck stillen.

„Ein Spiel mit Suchtcharakter“ – was bei nonmedialien Spielen, also Brett oder Kartenspielen oder auch Sudoko – immer wieder als Positivkriterium genannt wird (vgl. z.B. SZ über Sudoko)– hat beim medialen Spiel der Kinder für viele Erwachsene, vor allem Lehrer und Eltern gleich pathologische Konnotationen: „Suchtklinik“, „Entzug“, „Verbot“ lauten dort die schwarzpädagogisch anmutenden Therapieversuche. Etwas gemäßigtere Erziehungsberechtigte und pädagogische Fachkräfte wenden in minder schweren Fällen „Regeln“, „Verträge“, „Zeitkontingente“ als Maßnahmen an, um die Leidenschaft der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu zügeln. Ein hohes Maß an Ausdauer, Intensität, Konzentration, Ehrgeiz und oh ja auch Disziplin bieten die Intensivspieler auf, um sich in ihr Lieblings-Spiel zu vertiefen. Sind das nicht die bildungsrelevanten Kompetenzen, über die unsere Jugend angeblich so wenig verfügt?  Ein ganzer Altherrenchor zu denen in Folge von Neil Postman unter anderem Bueb und Spitzer gehören, verdient sich an dem Kanon über die medial und disziplinär verlorene oder sonst wie vergeigte oder verkommene Kindheit eine schöne Altersrente hinzu. Medienauftritte inklusive.

Ja, sie können: Kinder und sogar explizit männliche Jugendliche sind in der Lage, sich zu konzentrieren. Sie reflektieren, bewerten, kritisieren, kommunizieren und bilden effiziente Teams. Sie tun es auf Yu-Gi-Oh-Events, bei Lan-Parties, Karaoke-Contests, beim Handyfilmen oder Konsolen-Combats. Nur eben nicht dort wo sie es sollen, in der Schule. Warum nur nimmt das niemand wahr, warum holt niemand die Jungs (und natürlich auch die Mädchen) dort ab wo sie sind? Warum werden die Medien verdammt, wo es darum geht von und mit den Medien zu lernen und die Schule und das Lernen endlich so zu verbessern, dass Kinder immer wieder Spaß daran haben können?

Die Medienindustrie hat die Interessen und Leidenschaften der Kinder längst erkannt und kreiert immer wieder neue Varianten und Versionen, um an das Geld von Familien und Jugendlichen zu kommen. Hier muss auch angesetzt werden: Medienerziehung ist auch Konsumerziehung und umgekehrt. Genau wie nicht jeder neu angebotene Schokoriegel in den Einkaufskorb wandern sollte, muss nicht automatisch jedes Kind, jede Familie jedes neue Medienprodukt selbst besitzen oder jede neue Software erwerben. Das ist nicht nur zu teuer: es ist nicht zu bewältigen. Während viele Mädchen stundenlang in der bunten Welt der Modekaufhäuser ihrem Probier- und Kaufrausch frönen und bei diesem kosten- und zeitintensiven Hobby von der Öffentlichkeit weitgehend unbehelligt bleiben (soweit sie nicht magersüchtig etc. werden), stehen Jungen mit ihrem juvenilen Hang zu Computerspielen oder Trading Cards im Kreuzfeuer der Kritik. Vor allem, wenn sie sich nicht in historische oder ökologische Strategiespiele, sondern in Action- und Ballerspielwelten begeben. Oder statt Fußballbildern teure Mangakarten tauschen.

So wie man Kindern, Jugendlichen und wohl auch ihren Eltern einen kritischen und kreativen Umgang mit Mode- und mit Markendiktaten vermitteln muss, so ist es auch mit Medien.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass nur ein geringerer Teil der Kinder und Jugendlichen einen wirklich problematischen Umgang mit Medien pflegt, der – manchmal nur probe- oder phasenweise- mitunter tatsächlich gesundheits- oder persönlichkeitsgefährdend sein kann. Solche Kinder benötigen Zuwendung, Therapien und Alternativen. Meist muss dann nicht nur die Mediennutzung, sondern der gesamte Kontext betrachtet und mit behandelt werden.

Mit einer generellen Missbilligung der medialen Interessen und Aktivitäten der Kinder, mit Verboten, Entzug und Fastenkuren werden viele Chancen verpasst.

Eine mir sehr vertraute über 80-Jährige Dame schaut sehr viel Fernsehtennis und ist intensive Sudoko-Gamerin, muss ich mir jetzt ernsthaft Sorgen machen und soll ich ihr evtl. den Fernseher wegnehmen? Glücklicherweise liest sie auch viel und geht auch noch regelmäßig spazieren. Ihre gleichaltrige Freundin könnte man vielleicht schon als abhängig von Canasta und Bridge bezeichnen, jedenfalls spielen die alten Damen regelmäßig und über viele Stunden hinweg. Mein Mann war als Kind eine längere Zeit lang Modelleisenbahnfreak. Er und sein Spielkamerad konnten sich in ihrer Freizeit über Wochen und Monate mit nichts anderem beschäftigen. Sie starrten zwar nicht auf einen Bildschirm, aber auf die Schienen. Frische Luft und Bewegung? Minimal. Alle Geschenkwünsche bezogen sich auf dieses Spiel und es wurde auch allerlei Geld hineingepumpt in dieses Indoor-Hobby. Vielleicht wurden sie etwas langweilig für ihre Mitmenschen, sie selbst empfanden aber alles andere als Langeweile. Und siehe, irgendwann wurde die E-Gitarre entdeckt und viel Zeit in dunklen verqualmten Übungskellern verbracht, sicher auch nicht gesund für Ohren und Lunge und vielleicht hat auch die eine oder andere Schulnote darunter gelitten.

Worum geht es eigentlich bei dieser Aversion gegen den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen? Zum einen spielt – wie das Team Brangelina richtig erkannt hat - der Umgang mit Geld eine besondere Rolle. Die immer neue Hard- und Software nagt am Finanzbudget der Familien, besonders solcher, die mithalten wollen. Mit immer wieder neuen Tricks und Produkten geht’s den Familien an die Substanz. Konsole statt Klassenfahrt. Handy statt Mittagessen. Hier ist nicht allein Medienerziehung, sondern Konsumerziehung gefragt, auch die Väter wurden ja 2008 mit Produkten wie dem stark umworben.

Neben dem Geld, geht es um ganz andere Luxusgüter in dieser Debatte: um  Zeit, Zuwendung und um schulische Bildung. Wie viel Stunden wöchentlich verbringen Kinder im Auto, um von Kurs a oder zu Kurs b kutschiert zu werden? Bewegen sie sich beim Klarinettenspiel? Atmen sie frische Luft, erkunden sie ihre Umgebung? Sind sie wirklich kreativ? Danach noch schnell die Hausaufgaben, die Englisch-Vokabeln sitzen auch noch nicht richtig. Dann will das erschöpfte Kind individuelle Freizeit in Form von Medien. Es will kein Lernspiel, es möchte Zerstreuung. Die Eltern wollen aber ein kreatives, kommunikatives Kind oder zumindest eines, das Lernspiele spielt und Wissenssendungen schaut. Das Kind, besonders das pubertäre, ist aber nicht ansprechbar und zieht sich in seine Schuelervz-, Handy-SMS- oder Action- und Phantasy-Gamewelt zurück. Es ist durchaus kommunikativ, kreativ, konzentriert und kritisch. Doch eben nicht für die Eltern. Und manche Eltern wollen selbst nur nebenan im Wohnzimmer ihre eigene Lieblingssendung sehen, ihr Hörspiel neben der Hausarbeit hören, die Pilates DVD durchexerzieren oder einfach mal kurz zur Auktion ins Internet, ist eigentlich prima, dass sich das Kind beschäftigt. An diesem Punkt kommt das Bild der heilen Familie ins Spiel: Bilderbuch-Familien sitzen gemeinsam am Tisch und spielen Siedler, Carcassone oder Uno-Extreme oder sie streifen Gummistiefel-bewehrt mit ihren Kindern bei jedem Wetter durch Wiesen und Wälder. Oder vielleicht lieber klassisch? Nach dem Ballettunterricht wird noch etwas Kinderliteratur gelesen, der Sohn übt nach dem Hockey Klavier. Gemeinsam werden Aufführungen besucht. An solch überidealisierten medienfernen Bildern kapituliert manch eine Familie. Die Eltern betrachten ihre Kinder an den Geräten. Das schlechte Gewissen entsteht, der Streit auch, Medien rauben die Zeit für familiäre Aktivitäten und Bildung. Es folgen Verbote, Zerwürfnisse etc. die Kluft zwischen Eltern und Kindern wächst oder es entsteht statt Medienerziehung laissez faire.

Rekapitulieren wir vor diesem Hintergrund einige Essenzen der Medienpädagogik: welche Medien, welche Medienerziehung und welche Art Medienumgang sind notwendig?

  • Qualität statt Quantität: Notwendig ist der Diskurs um Qualitäten der medialen Nutzung und der Produkte, die Kindern und Jugendlichen angeboten werden. Dies schließt auch eine Debatte um Formen und Inhalte ein. Diese Qualitätsdebatte ist notwendig, sollte aber die Perspektiven und Bewertungskriterien der Kinder und Jugendlichen enthalten! Auch sie haben ein Recht auf Unterhaltung, auch auf solche, die nicht an pädagogische Kontexte oder Absichten gebunden ist.
  • Regeln von Anfang an (schon kleine Kinder an familiäre Regeln zum Mediengebrauch gewöhnen und ihnen auch kreative und kritische Aspekte vermitteln). Alternativen zum Mediengebrauch in den Alltag integrieren. Größere Kinder in die Verabredung von Regeln einbeziehen.
  • Mediale Interessen von Kindern verstehen lernen und respektieren (im Rahmen des Jugendschutzes).
  • Vermittlung und weitgehende Respektierung der Altersfreigaben durch Eltern, Großeltern und pädagogische Fachkräfte.
  • Jugendliche Leidenschaften tolerierender Umgang mit Medien (maßvoller Umgang als Regel und gelegentliche Akzeptanz von Ausnahmen bzw. Intensivphasen, wenn schulische und andere Aktivitäten weiterlaufen).
  • Vielfältige medienkritische, analytische und aktive Auseinandersetzung mit Medien in der Schule, Familie und in außerschulischen Einrichtungen (hierfür weitere Lehrerbildung, Bildung von Eltern und pädagogischen Fachkräften).
  • Medien für Bildungszwecke in vielen Bereichen einsetzen (Information, Kreativität, Dokumentation, schulisches Lernen, Austausch, Sichtbarmachen von Welt, Experimente).
  • Alternativen (medienfreie Zeit) stets in den Alltag und in die Ferien integrieren

Ist es nun schlimm, keinen Fernseher zu haben? Auf Intensiv-Medien weitgehend dauerhaft zu verzichten? Keineswegs. Jeder Mensch, jede Familie kann hierbei auswählen. Der Verzicht kann selbstverständlich positive Seiten haben und einer Übersättigung entgegenwirken. Allerdings ist schon manch einer aus einem zuckerlosen Haushalt zum heimlichen Schleckermaul geworden und manch ein überbehütetes Kind fühlt sich zu Schmuddelkindern und deren Kultur hingezogen.
Insgesamt birgt das Postulieren des Medienverzichts als Lifestile und zur elitären Distinktion Gefahren, weil es Klüfte vergrößert, wo es notwendig wäre, Brücken zu bauen. Einer sinnvollen Medienerziehung, einer kreativen-kritischen lebendigen Auseinandersetzung mit den Medien wirkt ein solches Ansinnen entgegen.

Wer wissen möchte, wie eine sinnvolle Medienerziehung in Familien konkret umsetzbar ist, dem empfehlen wir die Broschüren Geflimmer im Zimmer und Mit Medien leben lernen.

 

Autorin

Renate Röllecke, MA, Medienpädagogin, studierte Germanistik, Literaturwissenschaft und Pädagogik mit Schwerpunkt Medien; interkulturelle Medienprojekte, Videoproduktionen und Dozentenfortbildungen im Bereich Deutsch als Fremdsprache/Auslandsgermanistik, 1992 bis 1994 Forschungs- und Didaktikprojekt zum Thema „Interkulturelle Medienkompetenz an der Universität Bielefeld“; seit 1994 Referentin für Medienpädagogik und Medienbildung in der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK). Homepage: www.gmk-net.de.

 

Literatur

Bauer, W./ Baur, E./ Kungel, B. (1976): Vier Wochen ohne Fernsehen. Eine Studie zum Fernsehkonsum.

Berlin.15 Minuten mit Madonna. In: Die Zeit, Madonna Interview vom 22. März 2007, Nr. 13. Verfügbar unter www.zeit.de/ 2007/13/Madonna [Zugriffsdatum: 05.03.2009].

Radisch, I. (2007): Vom Glück der Erleuchtung. In: Die Zeit vom 19. Dezember 2007, Nr. 52.

Röhl, W. (2008): Besser leben mit selektiver Ignoranz. In: Der Stern vom 22. März 2008.

Magie der Zahlen – Sudoku. Ein Spiel mit Suchtcharakter. Verfügbar unter www.sueddeutsche.de/app/spiele/sudoku/ [Zugriffsdatum: 05. 03. 2009].

Meckel, M. (2007): Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle. Murmann Verlag. Hamburg.

 

Weiterführende Literatur

Media Perspektiven Basisdaten 2008. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2008. Zeitbudget für audiovisuelle Medien Frankfurt am Main: S. 69. Verfügbar unter www.ard.de/intern/basisdaten/mediennutzung/zeitbudget_20f_26_23252_3Br_20audiovisuelle_20medien/-/id=54984/sfyd65/index.html [Zugriffsdatum: 05.03.2009].

Media Perspektiven Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2007. Frankfurt am Main. Verfügbar unter www.media-perspektiven.de/basisdaten.html. [Zugriffsdatum: 05. 03. 2009].

Feierabend, S./Klingler, W. (2007): Was Kinder sehen- eine Analyse der Fernsehnutzung der Drei- bis 13-Jähriger. In: Media Perspektiven 4/2007.

Geflimmer im Zimmer – Informationen, Anregungen und Tipps zum Umgang mit dem Fernsehen in der Familie. Verfügbar unter www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationsliste,did=3850.html [Zugriffsdatum: 05.03.2009].

Mit Medien leben lernen – Tipps für Eltern von Vorschulkindern. Verfügbar unter http://shop.gmk-net.de/product_info.php?info=p18_Mit-Medien-leben-lernen.html [Zugriffsdatum: 05.03.2009].

 

Links zur Turnoff Bewegung

http://semainesanstele.over-blog.com [Zugriffsdatum: 05.03.2009].

http://www.whitedot.org/issue/iss_front.asp [Zugriffsdatum: 05.03.2009].

http://www.tvturnoff.org [Zugriffsdatum: 05.03.2009].

http://www.one-week-no-media.de/aktivstattpassiv.php [Zugriffsdatum: 05.03.2009].