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Methodenvielfalt gegen Erfahrungsarmut

Für eine wildblühende Medienkulturpädagogik

Ulrike Hemberger

Kinder haben ein Recht auf intelligente und kreative Zugänge zu den Medien.  Frühpädagogik hat die Aufgabe diese zu ermöglichen – für alle Kinder und zu allen Medien. Das beinhaltet eine klare Absage an elitäre, hierarchisierende oder ausgrenzende Definitionen von Kultur, wie auch an pauschale Anleitungen für den Umgang mit digitalen Medien im Alltag von Kindern. Denn eine Pädagogik der Vielfalt ist Grundvoraussetzung für die gleichberechtigte Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder am gesellschaftlichen Leben. Wenn auch die „digitale Spaltung“ – zumindest in den reichen Weltregionen – immer weniger am ungleichen Zugang zu digitalen Geräten und Netzen festzumachen ist, bleibt dennoch zu fragen, ob sich in der Art und Weise, wie diese genutzt werden können, gesellschaftliche Ungleichheit reproduziert. Dies aber ist keine Frage des „richtigen“ oder „falschen“ Umgangs mit Medien, sondern eine Frage der Ressourcengerechtigkeit und damit auch gleichberechtigter Bildungszugänge.

Kinder beschäftigen sich mit ihrer Lebenswelt als Ganzheit. Indem sie ihre Umgebung erforschen, entwickeln sie ihre Sicht auf die Welt und ihre Fähigkeiten. Dabei trennen sie ihre Medienerfahrungen nicht von anderen Erfahrungen ab. Sie nehmen wahr, sie experimentieren, beginnen sich auszudrücken und allmählich lernen sie, sich in ihrer Umgebung zu orientieren, Symbole zu verstehen, ihre eigenen  persönlichen Urteile zu finden und diese auszudrücken und zu begründen. Sie suchen nach Wegen, mediale Botschaften für sich einzuordnen, und können lernen, die Sicht der Anderen zu verstehen und in ihrer Unterschiedlichkeit zuzulassen. [...]

Ein vergleichbar differenziertes Verständnis für mediale Mechanismen ist in der öffentlichen Diskussion der Erwachsenen über kindliche Mediennutzung oft zu vermissen. Immer wieder folgt die Debatte Mustern, die der massenmedialen Zurichtung des Themas selbst geschuldet sind. In der Forderung nach einem generellen Bildschirmverbot für unter Dreijährige in einer Radiosendung wurden Ängste und Befürchtungen über die Schädlichkeit des Bildschirmkonsums für Kinder zur Inszenierung einer kontroversen Sendedramaturgie eingesetzt. Gegen Ende der Sendung brachte die Moderatorin ihre Polarisierungsstrategie mit dem folgenden Vorschlag auf den Punkt: „… so wie man das in Schweden gemacht hat, mit dem Gesetz, das besagt, dass man Kinder nicht schlagen darf. Das stand dann eine Zeitlang auf jeder Milchtüte drauf,  so, dass es noch in den letzten Haushalt gekommen ist. …. Könnte man nicht so eine Offensive auch starten und sagen, auf jeder Milchtüte stände drauf, so wie bei den Zigaretten heute, Fernsehen unter drei schadet der Gesundheit Ihres Kindes?“ (RBB Kulturradio 2008) In ihrer Konkurrenz zur Super Nanny zeigt die Moderatorin hohe Medienkompetenz, zumindest aus medienimmanenter Sicht. Gekonnt beherrscht sie die Methoden des  Skandalisierens und Konfrontierens. Das fordert auf, sich zu positionieren. Mit solchen Diskursformen versuchen Radio- und Fernsehproduktionen das Publikum wenigstens für einen Augenblick aus der ermattenden Langeweile zu holen. In einem an Einschaltquoten ausgerichteten Medienbetrieb stehen Kompetenzerweiterung und alltagstaugliche Handlungsalternativen nicht immer im Vordergrund.
Diese Form der „Volksbildung“ aber, das genormte Verbot, zielt an der Komplexität des Problems weit vorbei. Denn Medienkompetenz kann nicht verordnet oder in schnellen Rezepten verabreicht werden. Vielmehr muss sie eingebunden sein in Bildungsangebote, die alle Mitglieder der Gesellschaft ansprechen und vielfältige Impulse dafür geben, über die jeweils persönliche Gestaltung des Medienalltags nachzudenken. Der Bevölkerung die Möglichkeit dieses Nachdenkens einfach abzusprechen, kann nicht das Konzept einer ernst gemeinten, auf Teilhabe gerichteten Medienbildung sein. [...]

 

Über die Autorin

Prof. Ulrike Hemberger
Professorin für Kultur – Ästhetik – Medien, Alice Salomon Hochschule, Berlin. Schwerpunkte: Medien als Wahrnehmungs-, Aneignungs- und Vermittlungsinstrumente, Medialisierung und Stereotypenbildung, Medienpädagogik in der Sozialen Arbeit und in der Frühpädagogik, Videografie, Ästhetische Bildung.