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Von PornNo zur "pornographisierten" Gesellschaft?

Anmerkungen zum historischen Wandel von Pornographie und Pornographiekritik

Christiane Ketteler / Magnus Klaue

 

Pornographie und „Pornographisierung“

Die Rede von Pornographie bezeichnet in den gegenwärtigen juristischen, medien- und geschlechterpolitischen Debatten [...] immer zweierlei zugleich: einen konkreten juristischen Tatbestand (z.B. Gewalt- und Kinderpornographie) und ein Bündel gesellschaftlicher, psychosozialer und technologischer Veränderungen, deren entgrenzende, die Koordinaten von Privatsphäre und Öffentlichkeit zur Disposition stellende Wirkung mit der Metapher der Pornographisierung aber offensichtlich meist eher gebannt als analysiert werden soll. Jede Beschäftigung mit Pornographie muss sich, will sie sich nicht mit volkspädagogischen Erbauungsritualen zufrieden geben, über diesen Doppelcharakter des Begriffs Klarheit verschaffen. Seit deren vermehrter massenmedialer Verbreitung um die Wende zum 20. Jahrhunderts wohnt der Diskussion über pornographische Texte und Bilder diese Ambivalenz inne, wie sich bereits an Karl Kraus’ noch aus heutiger Sicht brisanter Verteidigung „unzüchtiger“ Kunst, aber auch an seinem Plädoyer für die Entkriminalisierung von Prostitution studieren ließe. [...] Vermochte Kraus als „pornographisch“ denunzierte Darstellungen noch im Namen eines emphatischen Begriffs sinnlichen Glücks zu verteidigen und dennoch gleichzeitig gegen jede Entrechtung und Erniedrigung von Frauen, etwa in der Prostitution, Einspruch zu erheben, vermischte sich spätestens seit den „PorNo“-Kampagnen US-amerikanischer und deutscher Feministinnen in den 80er Jahren die konkrete Bedeutung des Kampfes gegen Pornographie mit dem Kampf gegen „Pornographie“ als Metapher. Pornographie wurde nun nicht mehr allein als das attackiert, was sie oft genug ist: als organisierte Ausbeutung und Heteronomisierung von Frauen im Dienst der Propaganda für ein chauvinistisches Geschlechterbild, sondern auch als das, was sie ebenfalls sein kann: als mediale Praxis der Erprobung nicht-normativer sexueller Rollenbilder nach Maßgabe einer Sexualität, die von Angst und Arbeit befreit wäre und sich der sozialen, politischen und juristischen Einübung von Ungleichheit gerade verweigert. Gegen diese Nivellierungstendenz ist die seit den 90ern zu verzeichnende Aufwertung von „Pornographie“ als mediale und politische Praxis im Kontext von Gender und Queer Theory gerichtet. [...] Dank dieser Aufwertung von „Pornographie“ im Sinne eines Plädoyers für nicht-normative Geschlechterrollen und gegen die Fetischisierung reproduktiver Sexualität ist die reale Vielfalt der als „pornographisch“ subsumierten medialen Darstellungen ebenso wie die Unterschiedlichkeit ihrer Produktions- und Rezeptionsbedingungen mehr und mehr in den Blick geraten. Mediale Bilder werden dabei nicht nur als Auslöser bzw. Anheizer von Handlungen in der Wirklichkeit betrachtet, sondern als Bestandteil und Ausdruck dieser Wirklichkeit ernst genommen. Erst auf der Grundlage dieser Herangehensweise erscheint ein aufklärerischer, weder verharmlosender noch moralisierender Umgang mit Pornographie möglich. Dennoch droht, wie wir im Folgenden argumentieren wollen, auch der postfeministische Traum eines von reproduktiver Sexualität befreiten „Pornotopia“ seinerseits zum undialektischen Zerrbild zu werden, das die kritischen Potentiale der Zweiten Frauenbewegung zugunsten eines blinden Technikfetischismus vergessen macht. [...]

 

Über die Autoren

Christiane Ketteler
Absolviert derzeit ihren Magisterabschluss in den Fächern Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität in Berlin. Sie arbeitet als freie Autorin und Organisatorin. Mit Eva Birkenstock, Kerstin Stakemeier, Nina Köller und Kirstin Forkerts hat sie das freie Projekt PRE gegründet, das zum Status der Kollektivität in der künstlerischen Produktion arbeitet. Arbeitsschwerpunkte: Feminismus, Marxismus.

Dr. Magnus Klaue
War von 2003 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin, hat über Else Lasker-Schüler promoviert und arbeitet als freier Autor für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, u.a. für konkret und die jungle world. Arbeitsschwerpunkte: deutsch-jüdische Literatur, Populärkultur, Kritische Theorie.