Springe direkt zu:

Sie sind hier: Materialien / Artikel / Medienbildung
Suche
Suchbox 

Dieter Baacke Preis

Screenshot dieterbaackepreis.de

Auf der Webseite finden Sie ausführliche Infos zum Preis sowie wissenschaftliche Texte und Praxisbeispiele.

Zur Webseite

Medienpädagogik, Medienbildung, Medienkompetenz

Screenshot gmkblog.de

Das Webblog der GMK!

gmkblog.de

GMK-Shop

Screenshot shop.gmk.de

Der Online-Shop der GMK!

Bücher lBroschüren lDownloads

GMK-M-Team

GMK-M-Team

Medienpädagogisches Coaching - kostenlos für Jugendeinrichtungen in Ostwestfalen und Münsterland.

www.gmk-m-team.de

Wiedemann, Dieter: Zurück zu den Wurzeln. Anmerkungen zur Wiederbelebung der Filmerziehung.

Nexum: Juni 2003/ Heft 10

Seit einigen Jahren verfolgt die EU-Kommissarin für Kultur und Bildung Viviane Reding das Ziel, europaweit das Schulfach Film einzuführen. Auch die deutsche Kulturstaatsministerin, Christina Weiss, befürwortet eine solche Initiative: Denn »das (...) Verstehen von Filmen, das Erkennen ihrer formalen Sprache und das Erfassen und Bewältigen der Bilder (gehört) zu den fundamentalen Kulturtechniken des neuen Jahrhunderts«.

Eine Forderung, die durchaus schon mehrfach im 20. Jahrhundert gestellt und damals offenbar nicht zufrieden stellend erfüllt, in das 21. Jahrhundert übernommen wurde. Die Kulturtechnik »Film verstehen« wird also ebenso wie die Kulturtechnik »Lesen« als eine Art Schlüsselkompetenz der Medien- bzw. Wissensgesellschaften im 21. Jahrhundert interpretiert: Filmerziehung als Schlüsselkompetenz nicht nur zum Verständnis von Gewalt verherrlichenden Computerspielen und von Gefahren des Internets, von »Schulen ans Netz« und einer dementsprechend entwickelten Medienkompetenz etc., sondern als grundsätzlich verfügbare ästhetische Kompetenz.

Es geht also meines Erachtens – und so verstehe ich auch die Initiative Filmerziehung – weiterhin um alle Facetten des Mediengebrauchs junger Leute und damit auch darum, dass der Film dank seiner universellen Gestaltungsformen/-möglichkeiten eine Art Basis für das Verstehen der historisch nachfolgenden Medien liefern kann. Insofern sehe ich in dieser Rückkehr zu den Wurzeln der Medienerziehung durchaus eine Herausforderung (auch für die GMK), die wir sehr schnell annehmen und gestalten sollten.

Ich meine damit nicht nur die vom Institut für Kino und Filmkultur, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Filmförderanstalt geförderte Initiative »Lernort Kino«, die den Film erfreulicherweise wieder dort mit einem jungen Publikum zusammenbringen will, wo er seit etwa 1905 sein wichtigstes Domizil hat, nämlich im Kino, sondern auch all das, was sich an Erzählformen und Gestaltungsweisen entwickelt hat, seitdem der Film neben dem Kino (wieder: die ersten Filmvorführungen fanden in Varietés, Kneipen und auf Jahrmärkten statt!) auch andere Präsentationsformen bedient (TV, DVD, Video, Internet etc.).

In Ost und West gab es in den fünfziger und sechziger Jahren eine Vielzahl von pädagogischen Arbeiten zur Filmerziehung, und auch Forderungen nach einem Unterrichtsfach »Film« sind schon seit vielen Jahrzehnten bekannt (in München ist vor mehr als fünf Jahrzehnten deswegen ein Institut gegründet worden, in der DDR gab es zeitweise eine Zeitschrift »Film, Fernsehen, Erziehung«, und in einigen osteuropäischen Ländern gab es zumindest partiell das Unterrichtsfach »Filmkunde«!).

Spätestens hier muss aber auf eine Art Dualismus im Verständnis des Begriffs »Filmerziehung« eingegangen werden: Einerseits: Filme als Mittel der Erziehung und andererseits: Filme als Gegenstand von Erziehung! Natürlich hat das Eine mit dem Anderen zu tun: Eine Nutzung von erzieherischen Potenzen des Films setzt z.B. ein gewisses Grundverständnis von filmischen Gestaltungsmitteln voraus, dennoch stehen hinter diesen unterschiedlichen Begriffsverwendungen auch unterschiedliche Positionen zur Funktion des Films in gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen.

Die erste Funktion will die erzieherischen Möglichkeiten des Films nutzen, in dem sie, ähnlich wie Schiller die Bühne, das Kino bzw. den Film als eine Art »moralische Anstalt« auffasst:

»Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele. Ich gebe zu, daß Eigenliebe und Abhärtung des Gewissens nicht selten ihre beste Wirkung vernichten, daß sich noch tausend Laster mit frecher Stirne vor ihrem Spiegel behaupten, tausend gute Gefühle vom kalten Herzen des Zuschauers fruchtlos zurückfallen – ich selbst bin der Meinung, daß vielleicht Molières Harpagon noch keinen Wucherer besserte, daß der Selbstmörder Beverley noch wenige seiner Brüder von der abscheulichen Spielsucht zurückzog, daß Karl Moors unglückliche Räubergeschichte die Landstraßen nicht viel sicherer machen wird – aber wenn wir auch diese große Wirkung der Schaubühne einschränken, wenn wir so ungerecht sein wollen, sie gar aufzuheben – wie unendlich viel bleibt noch von ihrem Einfluß zurück? Wenn sie die Summe der Laster weder tilgt noch vermindert, hat sie uns nicht mit denselben bekannt gemacht? – Mit diesen Lasterhaften, diesen Thoren müssen wir leben. Wir müssen ihnen ausweichen oder begegnen; wir müssen sie untergraben oder ihnen unterliegen. Jetzt aber überraschen sie uns nicht mehr. Wir sind auf ihre Anschläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimniß verrathen, sie ausfindig und unschädlich zu machen. Sie zog dem Heuchler die künstliche Maske ab und entdeckte das Netz, womit uns List und Kabale umstrickten. Betrug und Falschheit riß sie aus krummen Labyrinthen hervor und zeigte ihr schreckliches Angesicht dem Tag. Vielleicht, daß die sterbende Sara nicht einen Wollüstling schreckt, daß alle Gemälde gestrafter Verführung seine Gluth nicht erkälten, und daß selbst die verschlagene Spielerin diese Wirkung ernstlich zu verhüten bedacht ist – glücklich genug, daß die arglose Unschuld jetzt seine Schlingen kennt, daß die Bühne sie lehrt seinen Schwüren mißtrauen und vor seiner Anbetung zittern…

So groß und vielfach ist das Verdienst der bessern Bühne um die sittliche Bildung; kein geringeres gebührt ihr um die ganze Aufklärung des Verstandes. Eben hier in dieser höhern Sphäre weiß der große Kopf, der feurige Patriot sie erst ganz zu gebrauchen...«

Dies deklamierte vor etwa 200 Jahren Friedrich Schiller in seiner Schaubühnen-Schrift und hat damit viel von unseren aktuellen Debatten um Filmwirkungen und Filmerziehung vorweggenommen. Der Film als »eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das…Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele«, um die Schiller’sche Formulierung noch einmal aufzugreifen, ist sicher ein wichtiger Grund für eine pädagogisch orientierte Filmarbeit mit Kindern und Jugendlichen und hoffentlich auch: mit Erwachsenen! Filme sind häufig – gewissermaßen unverfängliche – Kommunikationsangebote zum direkten wie auch zum verdeckten Gespräch über individuelle Wünsche und Sehnsüchte, Probleme und Ängste, Angeeignetes/Gelerntes und Abgewiesenes/Verdrängtes. Filme stellen gewissermaßen eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Diskurse dar.

Über Filme reden setzt aber ein gewisses Filmverstehen voraus. Wobei sich »Filmverstehen« nicht allein und nicht primär aus Kenntnissen von Grundlagen des »Filmhandwerks« entwickeln lässt: Zwei Tage »Crash-Kurs« in Dramaturgie und Drehbuch, Kamera und Licht, Regie und Schauspiel, Tongestaltung und Montage etc. tragen nicht a priori zu einem besseren Filmverständnis bei. Filmerziehung als »Filme sehen« lernen heißt primär, die Beziehungen zwischen Inhalten, Gestaltungsmöglichkeiten und Wirkungen durchschauen und jeweils individuell bewerten zu können. Da Film und Kino wesentliche Elemente der Freizeitgestaltung sind, muss auch Filmerziehung einen Spaß- und Unterhaltungsfaktor haben. Was auch bedeutet: Filmerziehung muss sich primär auf jene Filme (in Kino, Fernsehen und auf anderen Speichermedien) orientieren, die im Zentrum des Bedürfnisspektrums von Kindern und Jugendlichen stehen.

Wie die folgende Zusammenfassung einer im März 2003 in Berlin durchgeführten Tagung zum Thema »Kino macht Schule« zeigt, gibt es gegenwärtig durchaus ernstzunehmende Bemühungen zur gesellschaftlichen Etablierung des Themas »Filmerziehung«:

»Film ist in unserer von Medien dominierten Welt ständig präsent. Gerade für Kinder und Jugendliche ist ein bewusster Umgang mit Film unverzichtbar. Deshalb ist es wichtig, Filmerziehung in deutsche Lehrpläne zu integrieren. (...) Film muss in jedem Unterrichtskontext seinen Platz finden – über den fachbegleitenden bzw. unterrichtsergänzenden Einsatz hinaus.

Wie können also alle Beteiligten, Filmschaffenden, Bildungsverantwortlichen und Politikerinnen und Politiker ihr Zusammenwirken effizienter gestalten?

Um Film in deutsche Lehrpläne zu implementieren, bedarf es folgender Maßnahmen:

1. Die Kultusministerkonferenz muss sich auf die curriculare Verankerung des Themas »Film – seine Geschichte, seine Sprache, seine Wirkung« in den Schulen, den Universitäten und den Fortbildungsstätten einigen.

2. Bildungsziel ist es, zu lehren und zu lernen, die Codes bewegter Bilder zu dechiffrieren – und das quer durch die Disziplinen und Fächer.

3. Filmkompetenz muss integraler Bestandteil jeder pädagogischen Ausbildung an den Universitäten – inklusive Leistungsnachweis – sein.

4. Ein obligatorischer Filmkanon, der von einer kompetenten Kommission aus Filmemacherinnen und -machern, Filmwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, Filmhistorikerinnen und -historiker und filminteressierten Pädagoginnen und Pädagogen zusammengestellt wird, sollte geschaffen werden.

5. Die Versorgung aller Ausbildenden mit historischem und aktuellem Material zum Thema sollte gewährleistet werden. Hier wäre die Einrichtung einer zentralen Stelle anzuregen, getragen von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kultusministerkonferenz in Zusammenarbeit mit der Filmförderungsanstalt, den Filmförderinstitutionen der Länder, der Bundeszentrale für politische Bildung, den Produzenten-, Verleiher- und Kinoverbänden. Diese Stelle könnte im Idealfall auch eine zentrale Verleihfunktion übernehmen. Die Filmkopien selbst werden dieser Stelle von den Verleihern zu günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt.

6. Als Voraussetzung hierfür sollte in der bevorstehenden Novelle des Filmförderungsgesetzes ein Paragraf entwickelt werden, der für die finanzielle und inhaltliche Gewährleistung einer solchen Maßnahme steht.

7. Der Austausch zwischen den bereits vorhandenen Hochschulen für Filmkompetenz, nämlich den Filmhochschulen, und den Universitäten und Schulen sollte hergestellt und dann zum Pflichtprogramm gemacht werden.

Am Anfang und am Ende jeder Initiative für die Erlangung von Filmkompetenz steht aber, was für jede Form der Bildung gilt. Nur hier wird aus »Learning by doing« »Learning by viewing«: Denn das hat auch allen großen Filmkünstlerinnen und -künstlern bisher am meisten Filmkompetenz gebracht!«

Natürlich steht im Hintergrund einer solchen Initiative auch der Wunsch, dass eine erfolgreiche Implementierung des Faches Filmerziehung in den schulischen Ausbildungsalltag die Schülerinnen und Schüler vom Sehen »falscher« Filme abhält, ihnen die guten und wertvollen Filme zu einem Erlebnis werden lässt.

Dieser Glaube verwundert zwar etwas angesichts der Tatsache, dass die seit langem etablierten Unterrichtsfächer Kunst, Musik und Literatur die Kinder und Jugendlichen nicht wesentlich davon abgehalten haben, die »falschen« Bücher zu lesen und die »falschen« Musiken zu hören.

Dennoch ist es ebenso unbestritten, dass die Ausbildung von ästhetischen und sozialen Wertmaßstäben in der Schule (und Freizeit! – dies meint gleichermaßen die Verantwortung der Medien selbst, wie auch die der Kultur-, Kunst- und Medienpädagogik, die Herausbildung solcher Wertmaßstäbe zu unterstützen) durchaus dazu beitragen kann, auch mit weniger gelungenen Filmen etc. kompetent umgehen zu können.

 

Prof. Dr. Dieter Wiedemann ist Präsident der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam, 1. Vorsitzender der GMK, Vorsitzender des Kuratoriums »Goldener Spatz« und Mitglied des Kuratoriums der FSF.

 

Links zum Thema Filmerziehung:

www.nibis.ni.schule.de/nibis.phtml?menid=35 Der Niedersächsische Bildungsserver bietet in seinem „Service“ Informationen zu Medienzentren, Medienbildung und Medienprojekten sowie Medienempfehlungen.

www.kinderfilm-online.de/
Website mit aktuellen Filmempfehlungen, einem Kinder-Film-ABC sowie Filmanalysen; unter der Rubrik „Kinokids“ – „Alles klar“ ist umfangreiches Grundlagenwissen zusammengetragen und altersgemäß aufbereitet worden.

www.kinofenster.de/index.htm
Ein Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung mit den neuesten Kinofilmen für Kinder und den dazugehörigen Besprechungen.

www.mediamanual.at/mediamanual/leitfaden/leitfaden.html
Website des österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur mit Leitfäden zu „Medienerziehung“, „Basiswissen Film“ und „Basiswissen Radio“

www.kjf.de
Homepage des Kinder- und Jugendfilmzentrums in Deutschland.

www.bkj.de
Homepage der Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung.

 

<- Zurück zu: Medienbildung