Springe direkt zu:

Sie sind hier: Materialien / Artikel / Medienbildung
Suche
Suchbox 

Dieter Baacke Preis

Screenshot dieterbaackepreis.de

Auf der Webseite finden Sie ausführliche Infos zum Preis sowie wissenschaftliche Texte und Praxisbeispiele.

Zur Webseite

Medienpädagogik, Medienbildung, Medienkompetenz

Screenshot gmkblog.de

Das allgemeine Webblog der GMK!

gmkblog.de

Weblog Big Data

Diskussionsblog zur medienpädagogischen Positionsbestimmung zu Big Data Analytics

bigdata.gmkblog.de

GMK-M-Team

GMK-M-Team

Medienpädagogisches Coaching - kostenlos für Jugendeinrichtungen in Ostwestfalen und Münsterland.

www.gmk-m-team.de

Spanhel, Dieter: Menschenbilder und Medienpädagogik. Wohin steuert die Theorie der Medienpädagogik?

Nexum: Dezember 2000/ Heft 2

Medienpädagogik ist in hohem Maße abhängig von äußeren Entwicklungen: den Tendenzen der Technik, den Trends des Marktes. Sie muss aber auch ihren eigenen Gesetzen folgen, um Gestaltungsautonomie und Selbstbesinnung zu wahren. Der Text dokumentiert einen Vortrag, den Dieter Spanhel im November 2000 auf dem GMK-Forum "Kommunikationskultur" in München gehalten hat. Die Rede wird mit anderen Beiträgen zu dieser Veranstaltung im Frühjahr 2001 im GMK-Rundbrief Nr. 44 erscheinen. Prof. Dr. Dieter Spanhel lehrt Pädagogik an der Universität Nürnberg-Erlangen.

 

Gibt es überhaupt "die" Theorie der Medienpädagogik?

Vielfach beziehen sich medienpädagogische Theorien auf einzelne Medien, z.B. auf Bilder, Hörmedien oder auf das Fernsehen. Mit der rasanten Medienentwicklung wächst die Gefahr einer Zersplitterung der Medienpädagogik, nicht nur bezüglich der einzelnen Medien. Zu beobachten ist ein Auseinanderfallen in begrenzte empirische Theorien, die sich auf einzelne Fragestellungen oder Problembereiche konzentrieren, wie z.B. Rezeptionstheorien, Medienästhetik, Bedeutung der Medien für die Identitätsbildung im Jugendalter oder Verbesserung der Lehr-Lernprozesse durch neue Medien.

Um dieser Gefahr zu entkommen und um einen umfassenden und einheitlichen theoretischen Bezugsrahmen zu gewinnen, müsste sich die Medienpädagogik auf ihre anthropologischen Grundlagen zurückbesinnen. Ausgangspunkt medienpädagogischer Theoriebildung müsste dann die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu den Medien sein:

  • Was bedeuten Medien und die moderne Medienentwicklung für das Menschsein heute?
  • Was bedeuten die Medien und die mediengeprägte Alltagswelt für den curricularen Bildungsprozess des Menschen?

Dann stellt sich als erstes die Frage, welche Vorstellung vom Menschen einem solchen Theorieansatz zugrunde liegen sollte.

 

Anthropologische Grundlagen

Ich gehe von folgendem Menschenbild aus: Der Mensch ist ein frei handelndes Wesen, das sich nach den Regeln der Vernunft selbst bestimmen kann. Darin liegt seine Würde begründet. Gleichzeitig ist der Mensch gekennzeichnet durch seine Weltoffenheit. Die Tatsache, dass er biologisch nicht angepasst ist, kann er durch seine Lernfähigkeit ausgleichen.
Der Philosoph und Pädagoge O.F. Bollnow hat den Menschen als "offene Frage" charakterisiert: Der Mensch ist das, was er aus sich macht!

An diese Stelle wird nun die erste anthropologische Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Medien wichtig:
Was bedeuten Medien für den Menschen und wie haben sie sich in der Geschichte der Menschheit ausgewirkt?

Medien stellen das Bindeglied zwischen dem Menschen und seiner Umwelt dar. Zeichen, bildliche Darstellungen und Symbole ermöglichen es dem Menschen, in seinem Kopf symbolische Repräsentationen der Welt zu konstruieren, also ein inneres Weltbild aufzubauen. Sie ermöglichen es ihm, die über die Sinnesorgane aufgenommenen Eindrücke und Informationen aus der Umwelt besser zu speichern, zu be- und zu verarbeiten. Sie erlauben ihm den gedanklichen Entwurf von Handlungsplänen, die ihm völlig neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen und ihm einen ungeheueren Anpassungsvorteil im Kampf ums Überleben verschaffen. Es war am Anfang das Symbolsystem der Sprache, das es den Menschen ermöglichte, Erfahrungen aufzubewahren, auszutauschen und an die nachfolgende Generation weiterzugeben - Tradierung als Voraussetzung und Beginn der Kulturentwicklung. Später führte die Erfindung der Schrift, des Alphabets und der verschiedenen Techniken bildlicher Aufzeichnung und Gestaltung zum Aufstieg der frühen Hochkulturen in Kleinasien.

Aus dieser historischen Betrachtung heraus wird erkennbar, dass die modernen Medien im wesentlichen das leisten, was Medien schon immer für den Menschen geleistet haben. Sie bieten immer ausgefeiltere Techniken zur Erweiterung der natürlichen menschlichen Fähigkeiten zur Wahrnehmung, Codierung, Übertragung und Speicherung von Informationen wenn auch in ganz neuer Qualität.

 

Historischer Aspekt

Der Blick in die Geschichte lehrt uns: Die Verwirklichung des Menschseins, seine Würde und Vernunftbestimmtheit sind gebunden an die historischen Gegebenheiten als die jeweiligen Bedingungen der Möglichkeit. Das bedeutet - um es mit Michael Landmann auszudrücken:
Der Mensch ist Schöpfer und Geschöpf der Kultur. In der Phylogenese hat der Mensch die Rahmenbedingungen verändert, unter denen er sich selbst bestimmen kann. Medien spielen dabei von Anfang an eine zentrale Rolle: Sie sind Voraussetzung und Folge der kulturellen Entwicklung; als Kommunikationsmedien sind sie die Bedingung der Möglichkeit der Weiterentwicklung der menschlichen Lernfähigkeit und Kultur im sozialen Verbund und dabei entwickeln sie sich selbst weiter! Die neuen elektronische Medien ermöglichen und beschleunigen die immer schnelleren und beängstigenden Fortschritte in der Gegenwart. Dabei zeigt sich:

Medien eröffnen zugleich neue Möglichkeiten und Chancen und schaffen neue Festlegungen und Zwänge. Darin liegt eine grundlegende anthropologische Ambivalenz der Medien.

Auf der einen Seite bieten sie neue Formen des Lernens, der Kommunikation, der Welterschließung und der Gestaltung der eigenen Lebenswelt bis hin zur Konstruktion neuer Wirklichkeiten. Sie werden notwendig, um in einer immer weiter sich ausdifferenzierenden Welt die Vernetzung der unterschiedlichen Teilsysteme und Lebensbereiche zu sichern und zugleich diese Komplexität und die damit verbundene Weltangst des Menschen zu reduzieren, die Wirklichkeit überschaubar, verstehbar und bearbeitbar zu machen und um "befriedete Räume" zu schaffen, in denen der Mensch angstfrei leben kann.

Auf der anderen Seite üben die Entwicklungen im Medienbereich enorme Lernzwänge auf die Menschen aus. Sie müssen sich im Umgang mit den neuen Medien kompetent machen, neue Verhaltens-, Kommunikations- und Denkformen erwerben. Die neu gewonnenen Informationsmöglichkeiten und Handlungsspielräume zwingen die Menschen zu dauernden Entscheidungen bei der Auswahl von Informationen, Lebensformen, Wertordnungen oder bei der Planung ihrer Biographie. Bei diesen Entscheidungen werden sie wiederum durch die Medien unter Druck gesetzt, durch immer aggressivere Werbung manipuliert, bis hin zur "Tyrannei der mediengerechten Lösungen" bei der Weltaneignung durch die Massenmedien, wie Klaus Koziol dies soeben in einem kleinen Büchlein eindrucksvoll beschrieben hat.

 

Wohin steuert die Theorie der Medienpädagogik?

Nach meinem Eindruck lässt sich die Medienpädagogik in diesem Spannungsfeld, das aufgrund der rasanten Medienentwicklungen an Dramatik gewinnt, zu sehr von unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessengruppen vereinnahmen. Drittmittelforschung führt zu einer Orientierung an aktuellen Detailfragen, die isoliert, d.h. ohne erkennbaren Bezug auf Theoriebildung untersucht werden und deren Ergebnisse von den Auftraggebern für ihre Zwecke genutzt werden. Schließlich betreiben die großen Medienproduzenten und -anbieter, die Werbeindustrie und Wirtschaftsverbände eigene Medienforschung mit finanziellen und personellen Ressourcen, die den Universitäten niemals zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse aus diesen Forschungen werden nicht veröffentlicht und stehen für die Theoriebildung nicht zur Verfügung

Bezüglich der traditionellen Medien wurde die Medienpädagogik immer wieder in eine Reparaturfunktion der Gesellschaft gedrängt, während sie hinsichtlich der Entwicklung der neuen Medien sehr stark für wirtschaftliche Zwecke instrumentalisiert wird. Von politischer Seite wird mit großen Nachdruck die rasche Einführung der neuen Medien in allen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen vorangetrieben. Dies geschieht einseitig durch Hardware-Ausstattung, aber ohne ausreichende pädagogische Fortbildung, ohne organisatorische Veränderungen und weitere erforderliche Unterstützungsleistungen. Daher tauchen in der Praxis immer neue Probleme und Fragestellungen auf, und von der Medienpädagogik werden schnelle Antworten, Lösungen und Orientierungshilfen erwartet. Auch das behindert die Theoriebildung. Ganz abgesehen davon, dass von staatlicher Seite bisher fast so gut wie nichts auf der wissenschaftlichen Ebene, in den Hochschulen und Fachhochschulen, für die Weiterentwicklung der Medienpädagogik getan wurde.

Es gibt kaum Professuren, geschweige denn Lehrstühle oder Institute für Medienpädagogik (einschließlich der neuen Medien), die Forschung und Theoriebildung wirksam vorantreiben könnten.

Auf der Ebene der Wissenschaften selbst wird eine Weiterentwicklung medienpädagogischer Theorie durch zwei weitere Umstände erschwert: zum einen durch ein geringes Interesse der Erziehungswissenschaft (der Allgemeinen Pädagogik) an der medialen Dimension aller pädagogischen Prozesse; zum anderen durch ein Auseinanderfallen in eine Fülle von Teilfragen, die in unterschiedlichen Disziplinen behandelt werden, ohne einen verbindenden gemeinsamen Begriff dessen, was das Pädagogische in der Medienpädagogik ausmacht.

 

Wie könnte sich die Theorie der Medienpädagogik weiterentwickeln?

Medienpädagogik ist nach meiner Auffassung als eine Handlungswissenschaft zu konziepieren, die vom Menschen und damit von anthropologischen Grundfragen ausgeht. Auf diese Weise könnte sie Konzepte entwickeln, um auch neue Entwicklungen im Medienbereich zu erfassen und nicht ständig hinter technischen Neuerungen herjagen zu müssen. Gefordert ist eine Praxistheorie, um mit D. Benner zu sprechen, vom medienpädagogischem Handeln (ausgerichtet auf empirische Forschung) und für medienpädagogisches Handeln (ausgerichtet auf Orientierungshilfen, Wertmaßstäbe, Handlungs-alternativen, Konzepte für die Lösung praktischer Probleme, auf Begleit- und Evaluationsforschung).

Geeignet für einen solchen komplexen Theorieansatz erscheint ein systemtheoretischer Zugang, der sich auf die Schnittstelle zwischen der Person als psychischem System und den sozialen Systemen der Gesellschaft konzentrieren müsste: Soziale Systeme sind Sinnsysteme auf der Grundlage von Kommunikation, die an Medien gebunden ist. Sinn ist Ergebnis und Steuerungselement der Kommunikationsprozesse in einem sozialen System. Medien bestimmen die Art und Weise und Möglichkeiten, wie der einzelne an diesen Kommunikationsprozessen und damit an sozialen Systemen teilhat. Durch die tiefgreifenden Medienentwicklungen verändern sich jedoch die Qualität, die Struktur und die Organisation dieser Kommunikationsprozesse und damit die inhaltlichen, sozialen und zeitlichen Strukturen der jeweiligen Sozialsysteme.

Durch die neuen Medien verändern sich aber auch die Art und Form der Teilhabe des einzelnen Menschen an den verschiedenen sozialen Systemen, in die er im Laufe seines Lebens integriert ist. Nur durch diese Teilhabe an den mediengestützten Kommunikationsprozessen jedoch kann der Heranwachsende sich entwickeln, eine Identität aufbauen und schließlich als frei und verantwortungsvoll Handelnder sein Leben gestalten und durch die Übernahme und Ausgestaltung sozialer Rollen seinen Beitrag zur Erhaltung und Weiterentwicklung von Gesellschaft und Kultur leisten. Medienbildung als Voraussetzung und Ziel einer solchen Teilhabe könnte dann zu einem Kernbegriff der Medienpädagogik werden.

Medienpädagogik richtet sich daher auf die zentrale Frage nach der medienvermittelten Teilhabe des einzelnen an den Kommunikationsprozessen sozialer Systeme und schließlich der Gesellschaft, so, dass sich Gesellschaft und Kultur stabilisieren und weiterentwickeln können, und dabei gleichzeitig so, dass die eigene Entwicklung als Person gefördert, ihre Identität gesichert und eine vernunftgeleitete und selbstbestimmte Gestaltung des eigenen Lebens ermöglicht wird (= curricularer Bildungsprozess). Im Rahmen medienpädagogischer Forschung wäre also zu klären,

  • wie die neuen Medien die Formen, die Voraussetzungen und Möglichkeiten, die Schwierigkeiten und Grenzen dieser Teilhabe an der Kommunikation im Lebenslauf verändern,
  • welche Folgen sich aus diesen veränderten Kommunikationsprozessen für die Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse des einzelnen Menschen ergeben,ob und wie sie ihm Spielräume zum Leben und für seinen curricularen Bildungsprozess eröffnen,
  • welche Auswirkungen diese Veränderungen auf das Funktionieren der sozialen Systeme haben, in denen die Menschen ihr Leben führen müssen (medienethische Verantwortung).

Dieser systemtheoretische Zusammenhang bildet den Rahmen für alle medienpädagogischen Theoriebildungen.

Unsere moderne Informationsgesellschaft beruht auf mediengestützten - alte und neue Medien gleichermaßen einbeziehenden - Kommunikationsprozessen.

Eine sowohl die gesellschaftliche Entwicklung wie auch die Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen förderliche, demokratische und gleichberechtigte Teilhabe an diesen Kommunikationsprozessen erfordert daher nicht nur kommunikative Fähigkeiten, Sprachbildung und Medienkompetenz, sondern eine grundlegende Medienbildung für alle Bürgerinnen und Bürger, für Kinder und Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen.

Für ihre Vermittlung und alle damit zusammenhängenden Fragen ist die Medienpädagogik zuständig. Ihre dringendsten Anliegen, Nachwuchsqualifizierung und wissenschaftliche Forschung, Konzept- und Materialentwicklung sowie der Ausbau einer medienpädagogischen Infrastruktur sollten daher von allen politischen und gesellschaftlichen Kräften gemeinsam vorangebracht werden.

 

<- Zurück zu: Medienbildung