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Neuß, Norbert: Mit offenen Augen und Ohren. Frühkindliche Medienbildung

Nexum: Juni 2002/ Heft 7

Kinder benötigen eine Orientierung in der Medienwelt. Deshalb ist Medienpädagogik im Kindergarten kein Luxus, der im Rahmen einer einzelnen Projektwoche abzuhandeln ist, sondern muss Bestandteil des Bildungskonzeptes der Kindertageseinrichtungen sein. Dass dies allerdings längst nicht umgesetzt wird, hat zuletzt die Studie von Ulrike Six (1) wissenschaftlich belegt. In Bezug auf den Umgang mit Medien sowie die Einstellungen der Erzieher/innen zu den Medienerlebnissen der Kinder lassen sich nach wie vor zwei Haltungen feststellen. Ausgehend von der Einstellung, dass Medieneinflüsse Kindern eher schaden als nutzen, wird versucht, einen positiven Ausgleich zu den vielen vermuteten Wirkungen zu schaffen. Der Kindergarten wird dabei als „Schutz- und Schonraum“ verstanden, der ein Gegengewicht zu den vorgefertigten Erfahrungen aus zweiter Hand bildet. Erzieherisch werden vor allem die elektronischen Medien gemieden und die Medienerlebnisse der Kinder ignoriert oder verboten. Da aber die Medien zum Alltag der Familien und der Kinder dazugehören, entsteht schnell eine resignative Haltung gegenüber dem Einfluss der Medien und den geringen erzieherischen Handlungsmöglichkeiten.

Eine weitaus produktivere Zugangsweise entsteht, wenn man die Medien als Teil der Lebenswelt der Kinder akzeptiert. Ja mehr noch! Eine Haltung die erkennt, dass Medien nicht nur Erfahrungen einschränken, z.B. weil sie nur über das Auge und das Ohr vermittelt werden, sondern dass sie Erfahrungen von Kindern auch erweitern können. Zu diesem Lernprozess kann der Kindergarten einiges beitragen, indem er eine bewusste frühkindliche Medienbildung umsetzt. Ich spreche hier von Medienbildung, weil ich damit eine Nähe zur aktuellen Bildungsdebatte (2) herstellen möchte, Medienbildung als Teil der Allgemeinbildung verstehe, und weil dieser Begriff die Notwendigkeit eines Konzeptes für den Kindergarten deutlicher hervorhebt als „Erziehung“.

 

Welche Bereiche umfasst eine frühkindliche Medienbildung? Im Folgenden möchte ich fünf Bereiche frühkindlicher Medienbildung knapp umreißen:

  • Medien als Erfahrungsspiegel betrachten: Kinder verarbeiten aktiv die Erlebnisse, die sie beschäftigen, die sie emotional bewegen oder die sie ängstigen, indem sie darüber sprechen, phantasieren, zeichnen oder Rollenspiele machen. Dies gilt für all ihre wichtigen Lebensbereiche (Familie, Kindergarten, Medien usw.). Auch die Verarbeitung von Medienerlebnissen ist ein wichtiger Bestandteil der frühkindlichen Erfahrungsbildung, weil sich die Kinder dabei die Beziehung zwischen ihrem eigenen Erleben und dem Medienerlebnis vor Augen führen können. Außerdem drücken Kinder durch ihre Medienerlebnisse auch ihre eigenen lebenswelt- oder entwicklungsbezogenen Themen (3) aus. Ausgehend von den Medienerlebnissen der Kinder können Erzieher/innen spielerische Methoden der Verarbeitung (4) anbieten (Situationsorientierung).
  • Medien zur Sensibilisierung der Sinne einsetzen: Wer schon mal mit Kindern ein Fotoprojekt durchgeführt oder eine Ton-Dia-Show erstellt hat, der weiß, wie diese Medien zum genauen Hinsehen und Hinhören auffordern. Indem Kinder in Medienprojekten (u.a. Trickfilm, Hörspiel, Video) (5) selbst gestalterisch mit Medien umgehen, lernen sie Medien zur Darstellung eigener Ideen und Themen produktiv zu nutzen (Handlungsorientierung). Die Projektarbeit (6) mit Medien geschieht dabei immer in einer sozialen Gruppe und lässt sich hervorragend zur Sinnessensibilisierung (vor allem Auge und Ohr) und zur Phantasieförderung einsetzen.
  • Medien durchschauen helfen: Der Kindergarten hilft Kindern, sich in der Welt zu orientieren. Dabei werden die Medien noch weitgehend ausgeklammert. Es gibt aber Problembereiche des Fernsehverständnisses und der Fernsehwirkungen, bei denen Kinder Hilfestellung und Interpretationshilfen von Erwachsenen benötigen (Problemorientierung). Solche Problembereiche sind z.B. das Verständnis von Fernsehgewalt in Zeichentrickfilmen oder die mangelnde Unterscheidungsfähigkeit zwischen Fernsehprogramm und Werbung (7). Es geht folglich darum, ihnen beim Verstehen von Mediengestaltungen zu helfen und so aktiv eine Fernsehlesefähigkeit zu fördern. Hierzu können Erzieher/innen auf bestehende Materialien zurückgreifen, um Projekte anzubieten, die nicht nur lehrreich sind, sondern auch Spaß machen (8).
  • Medien als kooperative Erziehungsaufgabe verstehen: „Die Einflüsse der Medien“ rufen bei jungen Eltern häufig Fragen und nicht selten Sorgen und Verunsicherungen hervor. Der Kindergarten sollte diese Fragen aufgreifen und als Ausgangspunkt für tiefere Diskussionen über die Medienauswahl, familiäre (Medien-)Erziehungsgrundsätze sowie Chancen und Gefahren der Mediennutzung machen. Hier bietet es sich an, kooperative Formen der Zusammenarbeit mit Eltern (Elternabend, Familienwochenende, Elternnachmittage o.ä.) mit den Medienprojekten der Kinder zu verknüpfen. Dabei tritt die Erzieherin nicht als „Belehrende“ auf, die den „unwissenden Eltern“ den richtigen „Erziehungspfad“ zeigt (Kooperationsorientierung).
  • Medien als Bildungsmaterial bereitstellen: Sicher gibt es in jedem Kindergarten Bilderbücher, manchmal auch einen Kassettenrekorder, seltener einen Fernseher und kaum einen Computer. All diese Medien aber bieten Kindern auf unterschiedliche Weise Bildungsmöglichkeiten und sind Bestandteil kindlicher Primärerfahrung. Einerseits machen Kinder Erfahrungen mit dem Medium selbst, andererseits erschließen sie sich selbständig Informationen oder Geschichten (Bildungsorientierung). Ihnen die Medien in der heutigen Zeit vorenthalten zu wollen, bedeutet eine Einschränkung von Erfahrungs-, Erlebnis- und Informationsmöglichkeiten. Der Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen kann mit Hilfe unterschiedlicher Medien umgesetzt werden. Erzieher/innen können Kinder bei ihren ersten Schritten am Computer pädagogisch begleiten und ihnen positive Lernerfahrungen vermitteln.

Den letzten Aspekt möchte ich nun beispielhaft etwas näher erläutern. Im Rahmen eines Computerprojektes (9) beobachte ich zwei Jungen, die dafür bekannt sind, dass sie Lernschwierigkeiten und Konzentrationsprobleme haben. Deshalb sind sie insgesamt „etwas zurück“, berichtet ihre Erzieherin. Ihr machen die beiden Jungen sogar etwas Sorgen, weil sie ja zu „den Großen“ gehören und im Sommer in die Schule gehen sollen. In einem Computerprojekt konnten die Erzieherin dann etwas Erstaunliches feststellen: Beide begeben sich an einen Computer und spielen mit der Software „Zählen und Ordnen“. Dabei sind sie über einen Zeitraum von über einer Stunde sehr konzentriert und unterstützen sich beim Verstehen bzw. bei der Bewältigung der Aufgaben. In anderen Situationen würden sie sich viel öfter streiten und „Blödsinn machen“. Die Erzieherin ist über ihr gemeinsames spielerisches Lernen sowie ihre Konzentrationsbereitschaft geradezu verblüfft. Diese Szene muss vor dem Hintergrund einer Widersprüchlichkeit gesehen werden. Zum einen werden die ersten Lebensjahre als grundlegend für den Erwerb unterschiedlichster Kompetenzen (sozial, kognitiv, emotional, motorisch usw.) aufgefasst, gleichzeitig wird aber das Bildungsverständnis des Kindergartens häufig auf das soziale Lernen reduziert. Denken wir an das Beispiel der beiden Jungen, so fällt es uns schwer einzuschätzen, ob sie sozial, emotional oder kognitiv gelernt haben. Statt also an starren pädagogischen Konzepten festzuhalten, sollten die Kitas überlegen, wie pädagogische Ausrichtungen erweitert werden können. Dabei sind die genannten Aspekte zur frühkindlichen Medienbildung einzubeziehen. Es geht aber nicht darum, aus dem Kindergarten eine Schule zu machen, sondern die bestehende Angebotsvielfalt des Kindergartens um lernintensive Bereiche (z.B. um einen Computerspielplatz) zu erweitern.

Ein Allheilmittel ist der Computer nicht. Seine Multimedialität unterstützt zwar die kindliche Motivation, sich mit Themen intensiv auseinander zu setzen. Ob sein Einsatz aber lernförderlich ist, hängt von der Qualität der Software, der pädagogischen Einbindung und der individuellen Begleitung durch die Erzieher/innen ab. Damit das Lernen mit dem Computer im Kindergarten sinnvoll und begründet gestaltet wird, ist noch einiges in der Erzieher/innenaus- und Fortbildung nach- bzw. aufzuholen.

Fassen wir also zusammen: Angesichts der Vielfalt von Themen, Angeboten und Möglichkeiten, mit denen Kinder heute aufwachsen, sowie der unterschiedlichen kindlichen Aneignungsweisen erscheint eine konzeptionelle Eindimensionalität (z.B. Waldkindergarten, spielzeugfreier Kindergarten, Internetkindergarten) fragwürdig. Vielmehr kommt es bei der Formulierung eines Bildungskonzeptes für den Kindergarten auf die Sicherung vielfältiger Bildungsmöglichkeiten an. Darin eingeschlossen ist ein medienpädagogisches Konzept der frühkindlichen Medienbildung.

 

Anmerkungen

1 Six, Ulrike u.a.: Medienerziehung im Kindergarten. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Opladen 1998.

2 Vgl. Lill, Gerlinde: Bildung im Kindergarten – neue Mode oder alter Hut? In: klein&groß 2/2000, S. 6–12, sowie die Diskussionen um die frühkindliche Bildung im Anschluss der PISA-Studie.

3 Vgl. Neuß, Norbert: Medienspuren und handlungsleitende Themen von Kindern erkennen und verstehen. In: Eder, Sabine/Lauffer, Jürgen/Michaelis, Carola (Hrsg.): „Bleiben Sie dran!“– Medienpädagogische Zusammenarbeit mit Eltern. Ein Handbuch für PädagogInnen. Bielefeld 1999, S. 62–83.

4 Vgl. Neuß, Norbert/Zipf, Jürgen/ Pohl, Mirko: Erlebnisland Fernsehen – Medienerlebnisse im Kindergarten aufgreifen, gestalten, reflektieren. München 1997.

5 Vgl. Eder, Sabine/ Neuß, Norbert/Zipf, Jürgen: Medienprojekte in Kindergarten und Hort. Berlin 1999.

6 Frey, Karl: Die Projektmethode. Weinheim 1984.

7 Vgl. Aufenanger, Stefan/Neuß, Norbert: Alles Werbung, oder was? Medienpädagogische Ansätze zur Vermittlung von Werbekompetenz im Kindergarten. Kiel 1999.

8 Vgl. Materialbaukasten „Kinder und Werbung“ (erscheint voraussichtlich 2002). Aktuelle Informationen dazu unter www.dr-neuss.de

9 Vgl. Neuß, Norbert/Michaelis, Carola: Neue Medien im Kindergarten. Spielen und Lernen mit dem Computer. Offenbach 2002.

 

Literatur

Norbert Neuss, Carola Michaelis: Neue Medien im Kindergarten. Spielen und Lernen mit dem Computer. Jünger-Verlagsgruppe Offenbach 2002, ISBN: 3-7664-9407-4

 

Kontakt

www.dr-neuss.de