Eingangsstatement der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK) zu den Empfehlungen der Leopoldina zur Begrenzung der Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche
Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
sehr geehrte Abgeordnete,
liebe Anwesende,
vielen Dank für die Einladung zu diesem Fachgespräch. Ich vertrete hier als Co-Geschäftsführer die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V., kurz GMK, den Bundes- und Fachverband für Medienbildung und Medienkompetenzförderung.
Die Frage, wie wir Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien, Smartphones und sozialen Netzwerken schützen und gleichzeitig befähigen können, ist nach Einschätzung der GMK zentral für gelingende Bildung in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft. Die Empfehlungen der Leopoldina, die heute im Mittelpunkt stehen, bieten dafür eine wichtige Grundlage – doch sie greifen nur dann, wenn sie mit fundierter Medienbildung zusammengedacht werden. Genau dafür möchte ich heute argumentieren.
Die Diskussion um Smartphone- und Social-Media-Verbote ist nachvollziehbar. Studien weisen auf Risiken hin: Überforderung, Ablenkung, schädliche Inhalte, problematische Geschäftsmodelle großer Plattformen. Zugleich sehen wir aber auch: Verbote allein lösen keines dieser Probleme nachhaltig. Kinder und Jugendliche brauchen sichere Räume, klare Strukturen und die Kompetenz, digitale Medien und Technologien zu verstehen, einzuordnen und aktiv mitzugestalten. Ein reiner Fokus auf Restriktion führt dagegen häufig zu Verlagerung der Nutzung in unbeobachtete Räume, zu weiterem Kontrollverlust von Eltern, Lehrer:innen und pädagogischen Fachkräften und zur Verschärfung sozialer Ungleichheiten.
Die Leopoldina selbst betont, dass Verbote immer mit Bildungsmaßnahmen gekoppelt sein müssen. Genau hier zeigen die vorliegenden Zahlen aus Sachsen-Anhalt die strukturellen Herausforderungen, die sie im Antrag auch benannt haben: fehlende Evaluation seit 2018, zu geringe Fortbildungsquoten, starke Unterschiede zwischen Stadt und Land, fehlende verbindliche Regelungen oder Konzepte. Diese Lücken betreffen nicht die Nutzung der Geräte, sie betreffen das pädagogische Fundament, das Kinder und Jugendliche eigentlich schützt. An diesen Stellen besteht ein dringender Nachholbedarf.
Aus Sicht der Medienpädagogik sind daher drei Punkte zentral:
Erstens: Medienbildung ist Prävention.
Wir wissen aus der Praxis: Junge Menschen, die verstehen, wie soziale Medien funktionieren, die Mechanismen wie algorithmische Verstärkung, Aufmerksamkeitsökonomien oder manipulative Designelemente kennen, gehen signifikant reflektierter damit um. Sie sind weniger anfällig für Desinformation, weniger gefährdet durch Hass oder Mobbing und können Risiken besser einschätzen. Wenn wir also über risikobehaftete Funktionen wie Endlos-Scrollen oder Push-Mechanismen sprechen, müssen wir diese nicht nur technisch, sondern auch didaktisch adressieren.
Zweitens: Schulen brauchen verbindliche, pädagogisch fundierte Rahmen-bedingungen.
Regulierungsmaßnahmen im Hinblick auf die Smartphonenutzung an Schulen sind besonders dann sinnvoll, wenn sie unter Einbindung der jungen Menschen und anderer Akteursgruppen gemeinsam entwickelt werden und in ein schulisches Gesamtkonzept eingebettet sind: klare Regeln, definierte pädagogische Ausnahmen, Räume für mediale Kompetenzförderung und ein dauerhaftes Fortbildungsangebot. Schulen dürfen hier nicht allein gelassen werden, sie brauchen Orientierung, Ressourcen und verlässliche Unterstützung. Eine Integration der zahlreichen Akteure aus der außerschulischen Medienpädagogik kann hier ein Lösungsansatz sein.
Drittens: Wir brauchen eine systematische, landesweite Infrastruktur für Bildung in der digital geprägten Gesellschaft.
Das bedeutet: Fortbildungen, die verpflichtend und kontinuierlich sind, multiplikatorische Strukturen wie medienpädagogische Beratungen und Digitalassistenzen, datenschutzkonforme Lernplattformen und klare Qualitätsstandards, die regelmäßig evaluiert werden. Medienbildung muss dabei nicht als Add-on, sondern als integraler Bestandteil allgemeiner Bildung gedacht werden.
Gleichzeitig möchten wir betonen: Kinder und Jugendliche brauchen Teilhabe. Wer heute soziale Medien komplett verbieten will, riskiert Ausschlüsse aus jugendkulturellen Räumen, aus politischer Teilhabe, aus sozialem Austausch. Viele junge Menschen nutzen soziale Medien produktiv, kreativ und politisch engagiert. Es wäre aus unserer Sicht fatal, diese Potenziale zu übersehen. Die Frage darf daher nicht lauten: „Wie verhindern wir Nutzung?“, sondern: „Wie gestalten wir Nutzung so, dass sie sicher, selbstbestimmt und bildungsförderlich ist?“
Dazu gehört auch, Verantwortung nicht einseitig bei Schulen und Familien abzuladen. Plattformen müssen stärker reguliert werden: altersgerechte Voreinstellungen, Transparenz über Algorithmen, klare Beschränkungen manipulativer Funktionen. Die aktuellen Empfehlungen der Leopoldina zu Altersgrenzen und Einwilligungspflichten sind ein wichtiger Impuls, aber sie benötigen europäische und bundespolitische Rahmenbedingungen, die rechtlich wie technisch durchsetzbar sind. Kinderrechte müssen dabei an erster Stelle stehen.
Abschließend möchte ich drei konkrete Empfehlungen formulieren:
- Keine isolierten Verbote, sondern pädagogisch begründete Nutzungs-konzepte für Schulen, die Schutz, Teilhabe und Medienkompetenzförderung verbinden.
- Ein Landesprogramm für digitale Medienbildung, das Qualifizierung von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften, curriculare Verankerung, medienpädagogische Beratung, datenschutzkonforme Infrastruktur und regelmäßige Evaluation strukturell absichert.
- Eine aktive Positionierung des Landes in der KMK und gegenüber dem Bund, um Altersgrenzen, Design-Regulierung und Plattformverantwortung voranzubringen – flankiert von Bildungsmaßnahmen, die junge Menschen wirklich erreichen.
Wenn wir Kinder und Jugendliche stärken wollen, müssen wir ihnen nicht den Zugang zu digitalisierten Welten verwehren, sondern wir müssen sie befähigen, sich darin sicher, kritisch und selbstbestimmt zu bewegen. Die Regulierung von Mediennutzung kann ein Werkzeug sein, aber Medienbildung ist der Schlüssel.
Vielen Dank.
Foto: © ltlsa/Viktoria Kühne



