GMK fordert verstärkte medienpädagogische Initiativen in Forschung und Praxis für Geflüchtete

Neue Situation macht Fortführung und Aktualisierung notwendig

Stellungnahme der GMK, 2. Juni 2022

Der Krieg in der Ukraine löste eine neue, enorme Flüchtlingsbewegung aus. Und so finden Ukrainer*innen, vor allem Frauen und Kinder, auch in Deutschland Zuflucht. Digitale Medien spielen eine zentrale Rolle für die Alltagsgestaltung und Lebensbewältigung geflüchteter Menschen jeder Herkunft. Geflüchtete können medial mit Kontaktpersonen im Heimatland in Verbindung bleiben und sich so über Kriegserlebnisse und Kriegsfolgen permanent informieren. Genutzt wird darüber hinaus das umfangreiche Informationsangebot sozialer Netzwerke und weiterer Informationsportale. Angesichts der uns alle verstörenden Bilder und Nachrichten des Krieges, stellt dies gerade auch für Heranwachsende und deren Entwicklung eine besondere Herausforderung dar. Zudem besteht bei den erwachsenen Bezugspersonen in Anbetracht ihrer eigenen sozio-emotionalen Beteiligung die Gefahr, den kindgerechten Medienumgang aus dem Blick zu verlieren. Die schweren, traumatisierenden Kriegserlebnisse können durch die einerseits wichtige, für Kinder aber zu drastische und daher problematische Berichterstattung nochmals verstärkt werden.

Pädagog*innen in Kita, Schule, außerschulischer Bildung, Familienbüros und Beratungsstellen sowie Aufnahmeeinrichtungen stehen insofern vor der Aufgabe, die geflüchteten Kinder und ihre Bezugspersonen (medien-)pädagogisch zu unterstützen. Hierbei geht es erstens darum, kind- und zielgruppengerechte Medienangebote bereitzustellen und bei der Verarbeitung von Medienerlebnissen und realen Erfahrungen zu begleiten. Zweitens gilt es, die Chancen digitaler Medien zur Erleichterung des Ankommens und der Bewältigung des Alltags in Schule, Beruf und Freizeit zu nutzen sowie Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Fachkräfte auf bestehende Angebote aufmerksam zu machen. Digitale Medien bieten in diesem Zusammenhang, neben Hilfestellungen beim Lernen, Potenziale durch kreative Medienarbeit die eigene Stimme zu erheben, Formen des Selbstausdrucks zu schaffen und Teilhabe zu stärken (vgl. GMK 2018). Und drittens eröffnen digitale Medien – unter anderem etwa über Sprachnachrichten per Smartphone und Übersetzungsapps – einen niedrigschwelligen Weg für pädagogische Institutionen, Beratungs- und Informationsprozesse zu initiieren.

Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) wirkt als bundesweiter medienpädagogischer Dachverband aus Praxis und Wissenschaft bereits seit 2015 verstärkt im Feld der medienpädagogischen Arbeit und Forschung mit geflüchteten Menschen vielfältiger Herkunft (vgl. von Gross & Röllecke 2017; Meister 2017; Meister & Kröger 2018). Ziel aller Aktivitäten in diesem Zusammenhang ist es, Austauschmöglichkeiten über bereits existierende Projekte und Modelle der inklusiven Medienpädagogik und Medienbildung zu schaffen, weitere Ideen und Konzepte zu entwickeln sowie Vernetzung zwischen pädagogischen Institutionen anzustoßen. Im Nachgang an eine bundesweite Expert*innentagung zur Medienarbeit mit Geflüchteten im Jahr 2016 hat die GMK das Internetangebot Medienpraxis mit Geflüchteten entwickelt. Dort wird, gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), eine umfangreiche und systematische Sammlung vielfältiger medienpädagogischer Projekte mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kontinuierlich bereitgestellt. Methodenpakete, Handlungsempfehlungen und weitere Materialien ergänzen das Angebot.

Das Portal Medienpädagogik der Vielfalt – gefördert durch den Ministerpräsidenten des Landes NRW – stellt Materialien, Methoden, Qualifizierungsangebote und Tutorials zur Unterstützung von Fachkräften und Ehrenamtlichen, die mit Personen mit Migrationserfahrung sowie dezidiert geflüchteten Personen arbeiten, zur Verfügung. Die Webseite zeigt unter anderem, wie durch weitgehend nonverbale Methoden – wie Video- und Fotoarbeit – die Kommunikation und Teilhabe gefördert werden kann.

Beide Angebote richten sich an alle, die mit Neu-Zugewanderten oder Geflüchteten jeder Herkunft (medien-)pädagogisch zusammenarbeiten. Sie bieten auch für die Arbeit mit Geflüchteten aus der Ukraine Anregungen und Hilfestellungen für pädagogische Fachkräfte und Ehrenamtliche. Weiter hat die Medienpädagogik – u.a. auch durch GMK-Mitglieder – die wissenschaftliche Diskussion im Kontext von Flucht, Medien und Inklusion forciert und Forschungsarbeiten initiiert und umgesetzt (vgl. u.a. Friedrichs-Liesenkötter et al. 2020; Friedrichs-Liesenkötter & von Gross 2017; Kamin 2020; Kamin & Meister 2016).

Zugleich ist noch wenig bekannt über die genauen Bedarfe und Bedingungen der aktuell Zugewanderten. Die momentane Situation erfordert demnach weitere medienpädagogische Maßnahmen in Forschung und Praxis, konkret fordert die GMK von Entscheidungsträger*innen aus der Bildungspolitik die Bereitstellung von finanziellen und materiellen Ressourcen für:

  1. empirische Erhebungen von konkreten Bedarfen der Geflüchteten aus der Ukraine, um medienpädagogische Arbeit adressaten- und situationsgerecht zu gestalten;
  2. eine gezielte Kampagne zur Kommunikation bestehender etablierter Angebote an Stakeholder in der Begleitung von und in der pädagogischen Arbeit mit Geflüchteten, um Reichweite, Akzeptanz und Nutzung dieser zu fördern;
  3. die Aufbereitung, Anpassung und Ergänzung bestehender Angebote, um diese im Hinblick auf die Bedarfe der neuen Zielgruppe adressat*innen- und lebensweltorientiert zu konzipieren;
  4. eine erneute Expert*innentagung, um über den Austausch von Wissenschaft und Praxis die Vernetzung von (medien-)pädagogisch Tätigen in der Arbeit mit Geflüchteten neu zu reflektieren und zu sichern.

Als Wissenschaftlerinnen und Vertreterinnen der GMK: Jun.-Prof. Dr. Henrike Friedrichs-Liesenkötter (Juniorprofessur für Bildungswissenschaften, insbesondere Bildung mit digitalen Medien, Leuphana Universität Lüneburg), Prof. Dr. Anna-Maria Kamin (Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik im Kontext von schulischer Inklusion, Universität Bielefeld), Prof. Dr. Dorothee Meister (Professur für Medienpädagogik und empirische Medienforschung, Universität Paderborn)

Für die GMK-Geschäftsstelle: Dr. Friederike von Gross (Geschäftsführerin der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur – GMK)

Für den GMK-Vorstand: Sabine Eder (1. Vorsitzende), Kristin Narr (Stellvertretende Vorsitzende)

Literatur

  • Friedrichs-Liesenkötter, H. & von Gross, F. (2017): Kinder und Jugendmedien zum Thema Flucht: Möglichkeiten und Grenzen des pädagogischen Einsatzes in formalen, non-formalen und informellen Bildungskontexten. In: von Gross, F. & Röllecke, R. (Hrsg.): Medienpädagogik der Vielfalt. Integration und Inklusion. München: kopaed, 67-86.
  • Friedrichs-Liesenkötter, H. & Winkel, M. (2021): Between Information and Guidance – Social Service’s Utilization of Digital Media for Connecting Refugee Parents With the Early Childhood Education and Care SystemFriedrichs-Liesenkötter, H., Hüttmann, J. & Müller, F.-M. (2020): Teilhabe von geflüchteten Jugendlichen im Kontext digitaler Medien. Digital unterwegs in transnationalen Welten. In: Peterlini, H. K. & Donlic, J. (Hrsg.): Digitale Medien. Jahrbuch Migration und Gesellschaft. Band 2019/2020. Bielefeld: transcript, 69-84. DOI: 10.14361/9783839444801-005 [Double-Blind Peer Review-Verfahren].
  • Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK), Fachgruppe Inklusive Medienbildung (2018): Medienbildung für alle. Medienbildung inklusiv gestalten! Positionspapier der Fachgruppe Inklusive Medienbildung. URL: https://www.gmk-net.de/2018/09/20/medienbildung-fuer-alle-medienbildung-inklusiv-gestalten/ [03.12.2021]
  • von Gross, F. & Röllecke, R. (Hrsg.) (2017): Medienpädagogik der Vielfalt. Integration und Inklusion. Dieter Baacke Preis Handbuch 12. München: kopaed.
  • Kamin, A.-M. (2020): Digitale Bildung unter der Perspektive von Inklusion. Inklusive Medienbildung. In: #schuleDIGITAL, 38, 90-92.
  • Meister, D. M. (2017): Medienarbeit mit Geflüchteten. Verantwortung der GMK in einem sensiblen Handlungsfeld. In: Eder, S., Mikat, C., Tillmann, A. (Hrsg.): Software takes command. Herausforderungen der „Datafizierung“ für die Medienpädagogik in Theorie und Praxis. Schriften zur Medienpädagogik 53. München: kopaed, 219-229.

 

Über die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V.
Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK) wurde 1984 als bundesweiter Zusammenschluss von Fachleuten aus den Bereichen Bildung, Kultur und Medien gegründet. Als gemeinnütziger Verein und größter medienpädagogischer Dach- und Fachverband für Institutionen und Einzelpersonen im deutschsprachigen Raum ist die GMK Plattform für Diskussionen, Kooperationen und neue Initiativen. Sie setzt sich für die Förderung von Medienpädagogik und Medienkompetenz ein, bringt medienpädagogisch Interessierte und Engagierte aus Wissenschaft und Praxis zusammen und sorgt für Information, Austausch und Transfer.

Kontakt:
GMK e.V. | Obernstr. 24 a, 33602 Bielefeld | 0521 6 77 88 | gmk@medienpaed.de | www.gmk-net.de

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